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Die Weltbevölkerung wächst weiter, die Menschen werden immer älter, und damit nimmt auch der Bedarf für medizinische und pflegerische Versorgung weiter zu. Laut Deutsche Stiftung Weltbevölkerung leben aktuell (Stand Januar 2020) rund 7,76 Mrd. Menschen auf der Welt. Von Andreas Piechotta

Diese Zahl wird sich laut einer UN-Prognose bis 2050 auf 9,8 Mrd. und bis 2100 auf 11,2 Mrd. erhöhen. Und die Weltbevölkerung wird immer älter – so waren 2017 in zehn Ländern mindestens 20 %der Bevölkerung 64 Jahre und älter. Dieses Marktumfeld von wachsender und immer älter werdender Weltbevölkerung mit altersbedingtem Versorgungs-, Pflege- und Betreuungsbedarf bringt auch Wachstumspotenziale für den Gesundheits- und Medizintechnikmarkt. Dadurch werden auch Veränderungen und Konsolidierungsprozesse in der Branche gefördert – mit einer veränderten Struktur, neuen Marktteilnehmern, neuartigen Geschäftsmodellen, Produkten und Services. Investoren verfolgen daher sehr aufmerksam die Entwicklung von Unternehmen aus diesen Sektoren. Vor allem Private Equity-Gesellschaften und M&A-Berater sehen Möglichkeiten, durch Zusammenschlüsse und Akquisitionen die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und deren nachhaltige Wachstumschancen zu sichern. Ein Beispiel für die zunehmende Dynamik im Segment der Mobilitätsgeräte ist der Zusammenschluss der Meyra Group S.A. und Alu Rehab A/S, zwei führenden Herstellern von Mobilitätsgeräten, der im Folgenden näher beschrieben wird.

Cityliner von Meyra. Foto: Meyra
Cityliner von Meyra. Foto: Meyra

Im Marktumfeld von wachsender und immer älter werdender Weltbevölkerung sind auch die Bereiche Medizin und Medizintechnik, Pharma/Life Sciences sowie Krankenhäuser und Pflegeservices von zunehmend wirtschaftlicher Bedeutung. Die alternde Bevölkerung und chronische Krankheiten bringen die Gesundheitssysteme weltweit an ihre Kapazitätsgrenzen. Medizinischer Fortschritt, künstliche Intelligenz und Digitalisierung führen zu einer Veränderung in der Branchenstruktur – mit neuen Marktteilnehmern, die mit neuartigen Geschäftsmodellen auf den Gesundheitsmarkt drängen.

Chancen im Bereich Mobilitäts- und Rehabilitationsgeräte

Laut dem aktuellen „Global Rehabilitation Equipment Market Research Report“ von Data Bridge Market Research wird der weltweite Markt für Rehabilitationsgeräte voraussichtlich bis 2025 14,9 Mrd. USD erreichen, verglichen mit 9,9 Mrd. USD 2018, mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 8,6% im Prognosezeitraum. Dieses Marktwachstum ist gemäß den Experten auf Faktoren wie die Zunahme von Behinderungen aufgrund nicht übertragbarer, chronischer Krankheiten, Gesundheitsreformen sowie das schnelle Wachstum der älteren Bevölkerung zurückzuführen. Hauptakteure auf dem Markt für Rehabilitationsgeräte sind Unternehmen wie Tecnobody, Proxomed, Hocoma, Ergoline, HdO, Biodex, Motomed, Novotec Medical, Physiomed, CDM Sport, Qianjing, Zhenzhou YouDe, Hailan, SFRobot, Xiangyu Medical, Invacare Corporation, Medline Industries, Dynatronics, Drive Devilbiss Healthcare, Esko Bionics, Caremax Rehabilitation Equipment oder auch GF Health Products. Zu den Produkten im Bereich Global Rehabilitation Equipment zählen beispielsweise Alltagshilfen wie Medizinische Betten sowie Geräte zur Unterstützung von Bad und Toilette, Lese-, Schreib- und Rechenhilfen, Mobilitätshilfen wie Rollstühle, Scooter und Gehhilfen, Trainingsgeräte für Unter-, Ober- und Ganzkörper, Geräte zur Körperunterstützung wie Patientenlifter oder Medizinische Hebebänder.

Verdrängungswettbewerb im fragmentierten Rollstuhl-Markt

Das weltweite Volumen des Rollstuhlmarktes betrug laut dem Acute Market Report „Global Wheelchairs Market Size, Market Share, Application Analysis, Regional Outlook, Growth Trends, Key Players, Competitive Strategies and Forecasts, 2018 To 2026“ von Februar 2019 im Jahr 2017 4,9 Milliarden US-Dollar und soll bis 2026 15,4 Mrd. USD erreichen, wobei die jährliche Wachstumsrate zwischen 2018 und 2026 13,5% beträgt. Der globale Rollstuhlmarkt hat in den letzten Jahren aufgrund von Faktoren wie dem zunehmenden Bedürfnis der Patienten nach Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit und Mobilität, der wachsenden älteren Bevölkerung, der zunehmenden Automatisierung von Mobilitätsprodukten und der Nachfrage nach spezialisierten Rollstühlen aus dem Sportbereich eine wachsende Akzeptanz erfahren. Ständige Innovationen und Entwicklungen auf dem Gebiet der Rollstühle, die sie automatisch, leicht und sogar für Zwecke wie das Treppensteigen geeignet machen, machen diesen Markt zunehmend lukrativ. Die vorherrschende Fragmentierung des Marktes führt laut Acute Market-Experten zu einem Verdrängungswettbewerb zwischen den Marktteilnehmern, zugunsten größerer und etablierterer Spieler. Um den Wettbewerb zu forcieren, sind die Akteure daher mehr und mehr in Produktinnovationen involviert, die den Patienten mehr Komfort, Sicherheit, Effizienz und Effizienz zu wettbewerbsfähigen Preisen bieten.

M&A als Katalysator für nachhaltiges Wachstum 

Ein Beispiel für die zunehmende Dynamik im Segment der Mobilitätsgeräte ist der

Einer der Multifunktions-Rollstühle der Netti-Produktfamilie von Alu Rehab. Foto: Alu Rehab
Einer der Multifunktions-Rollstühle der Netti-Produktfamilie von Alu Rehab. Foto: Alu Rehab

Erwerb der Meyra Group S.A. und Alu Rehab A/S, zwei Herstellern von Mobilitätsgeräten wie Rollstühlen, durch die Beteiligungsgesellschaft H.I.G. Capital, um die beiden Unternehmen zu einem der führenden Hersteller von Mobilitätsgeräten in Europa zu formen. Die Meyra Group S.A. entwickelt, fertigt und vertreibt ein komplettes Sortiment an elektrisch und manuell betriebenen Rollstühlen sowie Produkte aus dem Reha- und Orthopädie-Bereich. Im Segment technologieführender Aktiv-, Sport- und Elektrorollstühle gehört das Unternehmen nach eigenen Angaben zu den Marktführern. Seit 1936 werden die Produkte weltweit unter der Marke „Meyra“ vertrieben. Mit Standorten in Deutschland und Polen beschäftigt das Unternehmen rund 600 Mitarbeiter. Für 2019 wird mit einem Umsatz von mehr als 80 Mio. EUR gerechnet. Alu Rehab A/S wurde 1989 als Spezialist für Komfortrollstühle gegründet. Die Produkte werden unter der Marke „Netti“ vertrieben. Die multifunktionalen Komfortrollstühle mit speziellen Sitzsystemen passen sich den individuellen Kundenbedürfnissen an und ermöglichen optimale Mobilität im Alltag. Alu Rehab verfügt über Vertriebs- und Produktionsstandorte in Norwegen, Dänemark und China und beschäftigt rund 120 Mitarbeiter. Zusammen bilden Meyra und Alu Rehab einen neuen führenden Hersteller von Mobilitätsgeräten in Europa, der von den Managementteams beider Unternehmen gemeinsam geleitet wird. Die beiden Hersteller ergänzen sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Produktion über Logistik bis hin zu Vertrieb und Serviceleistungen. Über 40%  des Umsatzes werden im deutschsprachigen Gesundheitsmarkt erzielt. Zukünftig wird die neue Gruppe insbesondere in derzeit unterrepräsentierten europäischen Ländern und ausgewählten Märkten außerhalb Europas wachsen. Dabei wird auf organisches Wachstum und gezielte Akquisitionen gesetzt, das Firmen- und Marktpotenzial voll auszuschöpfen, um das Produktportfolio und die geografische Reichweite erheblich zu erweitern. Die Kombination des Netti-Sitzsystems von Alu Rehab mit den elektrisch angetriebenen Rollstühlen von Meyra wird das weitere Wachstum unterstützen.

Polnische Medort-Gruppe als Ursprung

Die Basis für den Aufbau einer international agierenden Unternehmensgruppe für Rehabilitationsmittel liegt im polnischen Unternehmen Medort mit Sitz in Lodz. Ursprünglich ein Familienunternehmen der Familie Perner, der Sohn des Gründers, Michal Perner, und seine drei Management-Kollegen sind seit über 20 Jahren im Unternehmen tätig. Wesentliche Strategie war immer der Ausbau der Internationalität unter Beibehaltung des Charakters als Familienunternehmen. Perner hat so zunächst den Vertrieb von Fremdmarken und eine Kette von Sanitätshäusern in ganz Polen aufgebaut, gleichzeitig wurden weltweit tätige Unternehmen wie Össur (Orthopädieprodukte) vertriebstechnisch begleitet und schließlich mehrere Eigenmarken wie Vitea Care, MDH, Qmed und Life Salony Medyczne etabliert.

Von Medort über Rehab zu Meyra

In Polen erzielte Medort bis 2007 einen Jahresumsatz von 7 Mio. EUR, im internationalen Vergleich eher wenig. Das änderte sich, als sich auf Initiative des Managements die polnische Private Equity-Gesellschaft Avallon bei Medort engagierte und der ungarische Marktführer Rehab erworben wurde, dessen Restrukturierung ein wichtiger Schritt in der weiteren Wachstumsgeschichte darstellt. 2012 richtete Medort-Gründer-Sohn Michal Perner dann seinen Blick auf den deutschen Markt, um hier ein geeignetes Unternehmen zu finden. Als dann einer der deutschen Marktführer in diesem Segment, die Meyra Ortopedia GmbH, in Schwierigkeiten geriet, erschien dieses viermal größere Unternehmen als eine Option. Im Juni 2013 wurde Meyra während des Sanierungsprozesses übernommen, es wurde eine tiefgreifende Neuaufstellung initiiert. Dieser beinhaltete unter anderem die Einstellung niedrigmargiger Produkte, Veränderungen und Anpassungen im Produktions- und Einkaufsprozess sowie im Vertrieb zur Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung. Unverändert fortgeführt wurde die Entwicklung innovativer Produkte, getragen von einer starken Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Bereits im ersten Jahr nach der Sanierung arbeitet die „neue“ Meyra profitabel. Seit 2019 firmiert der Unternehmensverbund als Meyra Gruppe.

Wachstumsperspektiven der Meyra Group

Die M&A-Beratung Proventis Partners hat im Oktober 2019 die Private Equity-Gesellschaft H.I.G. Europe beim Kauf von Meyra Group S.A. und Alu Rehab A/S, beraten. Der Zusammenschluss der beiden Unternehmen formt einen neuen, in Europa führenden Hersteller von rehabilitativen Mobilitätshilfen, insbesondere Rollstühlen. Das Management der Meyra Group agiert grundsätzlich in einem Wachstumsumfeld, das durch demographische Trends wie die zunehmende Alterung der Weltbevölkerung und die steigende Mobilität von Senioren nachhaltig positiv beeinflusst wird. Jedoch gibt es insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen in dem Segment auch Herausforderungen, die nicht zuletzt Konsolidierungstendenzen beschleunigen. Zum einen sorgt der anhaltende Sparzwang in den Gesundheitssystemen zu Margendruck im niedrigpreisigen Bereich. Zum anderen erfordern Innovationen insbesondere in höherpreisigen Produktgruppen substanzielle finanzielle Ressourcen. Hinzu kommt der zunehmende Wettbewerb durch Niedriglohnländer wie China. Das Meyra-Management hat diese Gemengelage stets als Chance für die Weiterentwicklung des Unternehmens begriffen deshalb Zukäufe frühzeitig als wichtige Komponente seiner Strategie definiert. Im weiteren Verlauf zeigte sich, dass für Meyra bestehende Potenziale im Markt noch besser mit einem international agierenden, finanzstarken und branchenerfahrenen Partner zu realisieren sind.

Das Management von Meyra und der Haupteigentümer Avallon entschieden deshalb gemeinsam, einen Verkaufsprozess zu starten an dessen Ende die Veräußerung der Gruppe an die Beteiligungsgesellschaft H.I.G. Capital stand. Mit dem gleichzeitigen Erwerb der Alu Rehab A/S hat H.I.G. zudem den Grundstein für die Entwicklung eines in Europa führenden Unternehmens im Bereich der Mobilitätsgeräte gelegt.

 

 

Über den Autor

Andreas Piechotta

Andreas Piechotta ist Partner bei Proventis Partners, Köln. Zuvor war er beim internationalen M&A-Berater Clairfield tätig, bei dem er als Partner seit 2008 zahlreiche M&A-Projekte initiiert, geleitet und umgesetzt hat, bevor er im Februar 2019 zu Proventis Partners kam.