Die Ziele waren hochgesteckt, nicht weniger als die erste echte Nanotherapie hatte das Berliner Small Cap MagForce im Sinn. Das dreiteilige Therapiekonzept – bestehend aus der eigentlichen Nanotherapie NanoTherm, dem NanoActivator und der Therapieplanungssoftware NanoPlan – entwickelte sich gut und verzauberte auch viele Investoren. Im September 2007 notierte die Aktie der MagForce bei über 65 EUR – nur ein kurzes Zwischenspiel auf dem Weg gen Süden, wie die Historie heute zeigt. Auch wenn MagForce die CE-Zertifizierung für NanoTherm schließlich in 2011 erhielt, die Mediziner hatte NanoTherm noch lange nicht überzeugt. Die Folge waren weitere Kursverluste, bis auf 1,85 EUR fiel das Papier und die Insolvenz schwebte wie ein Damoklesschwert über MagForce. Ein Strategiewechsel musste her und wurde in Form von Personalwechsel im Management gefunden. Neben dem ehemaligen Fresenius Medical Care CEO Ben J. Lipps, der den aktuellen 5-Jahres-Aktionsplan von MagForce verantwortet, setzt sich zur Zeit Hoda Tawfik in einer Doppelfunktion als CMO/COO für das operative Geschäft ein und will die Mediziner endlich mit ins Boot holen. Seither erholt sich das Papier langsam, ob sich dies fortsetzt, das müssen die kommenden zwei Jahre zeigen.

Eine clevere und innovative Nanotherapie

NanoTherm besteht aus einer Lösung mit Eisenoxid-Partikeln im Nanomaßstab (1 nm ist 1 Milliardstel Meter). Die supramagnetischen Nano-Partikel tragen eine spezielle Beschichtung, die dafür sorgt, dass die Partikel direkt nach der Injektion in das Tumorgewebe agglomerieren und so ein fest umgrenztes Areal im Tumor ausbilden. Anschließend wird der Patient im NanoActivator einem alternierenden Magnetfeld von 3 bis 12 Amper ausgesetzt. Dieses Feld ändert 100.000 Mal pro Sekunde seine Richtung und regt auf diese Weise die Nanopartikel zu Schwingungen an. Ausgelöst durch die Schwingungen heizt sich der Tumor auf bis zu 80° Celsius auf, NanoTherm wird deshalb als auch Thermoablation bezeichnet. Da die agglomerierten Nanopartikel im Gewebe verbleiben lassen sich etwaige Rezidive problemlos erneut im unschädlichen Magnetfeld behandeln. Aktuell stehen NanoActivatoren, die je 500.000 EUR kosten, in der Charité in Berlin und im Universitätsklinikum Münster. Ende 2013 ist ein weiterer NanoActivator für die Universitätsklinik in Kiel geplant und Anfang 2014 soll bereits das vierte Gerät installiert werden.

Erschließung der Klinik

Vergangenheitsbewältigung nennt Hoda Tawfik das operative Geschäft bei MagForce und ist von deren Erfolg überzeugt. Die NanoTherm Therapie besitzt bereits eine Zulassung zur Behandlung von Hirntumoren und mit einer neuen multizentrischen Studie soll die Therapie nun endlich auch Einzug in die Kliniken halten. Rund 18 Mio. EUR aus der jüngsten Kapitalerhöhung hat MagForce für die geplante Studie, die 285 Patienten mit Glioblastom einschließen wird, zur Verfügung. Und anders als in der Vergangenheit, wurden die führenden Meinungsbildner in der Neurochirurgie in die Entwicklung des Studiendesigns eingebunden. Die Studie zielt darauf ab, die bisherigen Ergebnisse der NanoTherm Therapie im direkten Vergleich zu konventionellen Therapien auch in einer größeren Patientenpopulation zu validieren. Hier liegt auch der Knackpunkt, denn die bisherige Patientenzahl war zu gering und deshalb nicht repräsentativ. Erst wenn NanoTherm auch das Überleben einer größeren Gruppe von Tumorpatienten verlängert, wird die Therapie für einen großflächigen Einsatz genutzt werden. Nach etwa zwei Jahren sollen erste Ergebnisse zum klinischen Endpunkt – dem Überleben der Patienten – vorliegen.

Kosten und Marktpotenzial

Mit rund 20.000 EUR ist die Therapie zwar kein Schnäppchen, doch ein Präzedenzfall einer Kostenübernahme durch eine gesetzliche Krankenkasse spricht für eine Erstattung der Therapie, sollte sich ihr Nutzen bestätigen. Gemäß dem 5-Jahresplan liegt der Fokus für die nahe Zukunft auf rezidivierenden, also wiederkehrenden Glioblastomen, rund 30% der jährlich 133.000 diagnostizierten Fälle sind Rezidive. Die weltweiten Therapiekosten beim Glioblastom liegen Schätzungen zu Folge bei rund 2 Mrd. EUR pro Jahr. Da auf Grund der Einschlusskriterien nicht alle Patienten in der Studie behandelt werden können, rechnet MagForce schon in 2014 mit ersten kommerziellen Patienten. Das Prostatakarzinom sieht MagForce als zweite Indikation für NanoTherm, in Kombination mit der Brachytherapie wurden hier erste Behandlungserfolge erzielt. Rund 57% der jährlich weltweit etwa 900.000 Prostatakarzinom-Diagnosen werden in der EU und in den USA gestellt, dort liegen die Ausgaben für deren Therapie bei schätzungsweise 10 Mrd. EUR. Das 5-Jahres-Finanzziel sieht CEO Lipps bei 100-150 Millionen Euro Jahresumsatz.

Geschäftszahlen und Aussichten

Die eingeleitete Restrukturierung des Unternehmens hat zwar im ersten Halbjahr zu einer Verbesserung des Fehlbetrages von minus 3,4 Mio. EUR auf minus 2,3 Mio. EUR beigetragen, dennoch wird MagForce wohl weitere Mittel benötigen. Die im ersten Halbjahr angekündigte Kapitalerhöhung konnte mit einem Gesamtvolumen von 33,5 Mio. EUR erfolgreich abgeschlossen werden und sorgte auch für erste Kursanstiege der Aktie an der Börse. MagForce ist nun schuldenfrei und verfügt über Barmittel in Höhe von 17,5 Mio. EUR, die für die Studie reichen sollten. Die Restrukturierung, die Studie und die Vorbereitung des Markteintritts von Nanotherm in anderen Ländern wie den USA werden den Nettoverlust in 2013 aber höher ausfallen lassen als im Vergleichszeitraum 2012. Ob MagForce langfristig ausreichend Umsätze und Gewinne erzielen kann, hängt auch am Erfolg der Studie. Investoren, und solche die es werden wollen, müssen sich wohl noch zwei Jahre gedulden. Eine Wette auf steigende Kurse ist MagForce allerdings, denn die britische Investmentberatungsfirma Edison Investment Research* sieht den fairen Wert bei 197 Mio. EUR, das sind 8,20 EUR je Anteilsschein und damit deutlich über dem aktuellen Kursniveau von 4,80 EUR.

MagForce-Kursverlauf-ab-2007
Der Absturz der MagForce-Aktie könnte auch eine Chance für risikobereite Anleger sein. Quelle/Rechte: Yahoo Finanzen

*) Edison Investment Research ist von der britischen Finanzaufsichtsbehörde Financial Services Authority autorisiert und reguliert, und ist weder Anlageberater noch Broker-Händler, auch erteilt Edison keine Investitionsempfehlungen. Edisons Berichte stellen deshalb auch keine Aufforderungen zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

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