Die Notwendigkeit einer weiteren Digitalisierung des Gesundheits-Sektors wird nicht länger bestritten. Mediziner, Patienten, Kostenträger und Nutzer fassen weiterhin Vertrauen in neue Technologien. Und doch bleibt  Skepsis.

 

Im vergangenen Jahr haben die Ausgaben für die Gesundheit in Deutschland erstmals die Marke von 1 Mrd. EUR pro Tag überschritten. Entscheidend dafür war, laut Statistischem Bundesamt, das im Januar 2017 in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz. Insgesamt stiegen die Ausgaben auf 374,2 Mrd. EUR, im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 4,9% (2016: 356,5 Mrd. EUR). Rund 55 Mrd. EUR wurden für Arzneimittel ausgegeben. Die gute Nachricht: Man darf davon ausgehen, dass Innovationen der digitalisierten Gesundheitsvorsorge in der Lage sind, dieser Kostenexplosion Einhalt zu bieten.

So gewinnen Faktoren wie Kostensenkungen und Umsatzsteigerungen aufseiten der Hersteller und Kostenträger an Gewicht, ebenso wie ein zunehmendes Eigeninteresse der Nutzer und Patienten nach personalisierten und tagesaktuellen Daten. Dabei geht der Trend zunehmend zu integrierten Plattformlösungen, die alle wichtigen Player miteinander vereint. So entstehen neue Synergien.

Den roten Faden finden

Einerseits bestimmt die Digitalisierung unser aller Leben immer mehr. Smartphones und Tablets sind kaum mehr wegzudenken, wir kommunizieren über Snapchat, Twitter, Instagram, Facebook & Co., Produkte aus den Häusern Apple, Google und Amazon gehören zum alltäglichen Inventar. Noch nie in der Geschichte haben die Menschen mehr persönliche Daten von sich preisgegeben, und sei es über die elektronische Einkaufsliste am Kühlschrank. Wir kommunizieren digital.

Schauen wir nun auf unser Gesundheitssystem, ergibt sich andererseits ein frappierender Dissens: Wir sind nicht miteinander vernetzt. Ein grundlegender Datenaustausch zwischen Patienten und Medizinern, Krankenhäusern und Versicherungen findet noch immer nicht statt. Und das hat nicht nur mit der viel beschworenen „German Angst“ zu tun, Stichwort Datenschutz. Es existiert schlichtweg keine passende IT-Infrastruktur für das Gesundheitswesen.

Es ist nicht einfach, angesichts der vielfältigen Möglichkeiten und Notwendigkeiten einen roten Faden zu spinnen. Neben dem Ausbau der notwendigen Infrastruktur und der Sicherung sensibler Daten gehören auch die Aus- und Weiterbildung von Medizinern und Pflegepersonal, die Erstattungsfähigkeit von Vorsorge- und Therapieangeboten, die Überwindung von Zulassungshürden oder auch schlichtweg die Finanzierung der Entwicklung neuer Technologien und Produkte dazu.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist denn auch, diese als umfassenden Prozess auf mehreren ineinander verwobenen Ebenen zu begreifen und nicht als eine bloße Abfolge von einzelnen Entwicklungsschritten. Doch genau diese Erkenntnis kann Unsicherheiten befeuern, beispielsweise die Angst vor dem gläsernen Patienten. Dabei ist der große Nutzen der Digitalisierung gerade im Bereich der personalisierten Medizin unbestritten, etwa bei der Erstellung maßgeschneiderter Therapien. Darüber hinaus kann die Minimierung des immer noch immensen Verwaltungsaufwandes gar nicht genug unterstrichen werden, etwa in Krankenhäusern. Von der Überweisung durch den Haus- oder Facharzt über das Anlegen und Führen der Patientenakte, Planung und Ablauf der Therapie, das Verpflegungsmanagement bis hin zum Entlassungsmanagement – all diese Schritte könnten mit der passenden IT-Infrastruktur vereinheitlicht werden.

Chancen und Notwendigkeiten

Auch weitere Entscheidungshilfen und Arbeitsabläufe können maßgeblich standardisiert werden. Ein Umstand, der besonders in der Pflegeindustrie, aber auch in der Telemedizin zum Tragen kommen kann. Schon heute gehen Experten davon aus, dass Deutschland im Jahr 2030 rund 100.000 Ärzte und Mediziner fehlen werden, vor allem im ländlichen Raum. Dabei hat die Bundesrepublik schon jetzt die älteste Bevölkerung in der EU. Dabei kann eine proaktivere und gezieltere Versorgung nicht nur Kosten senken, sondern es auch Anbietern ermöglichen, frühzeitiger aktiv zu werden. Ebenso können in Kombination mit neuen Technologien leistungsfähigere Analysemethoden helfen, das Wohlbefinden der Patienten zu erhalten oder gar zu steigern. Überdies können verbesserte Analysemethoden eine nötige Überweisung an Spezialisten und Fachärzte beschleunigen beziehungsweise den Zugang zu diesen erleichtern. Und nicht zuletzt kann das Ressourcenmanagement in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen spürbar erleichtert werden.

Überzeugendes Miteinander

Doch helfen neue Technologien alleine wenig. Es braucht ein entsprechendes Konzept, das mit technologischen Innovationen entsprechend umgesetzt wird. Eine neue Strategie bereits vorhandenen Technologien überzustülpen hilft wenig. Mag eine Technologie noch so ausgereift und zukunftsweisend sein, sie wird schlussendlich von Menschen um- und eingesetzt. Technisches Know-how, Personalführung, Qualitäts- und Changemanagement müssen der zunehmenden Digitalisierung angepasst und ständig überprüft werden. Gleichzeitig müssen die angesammelten Daten zielführend analysiert werden. Nur so können in der Folge sowohl das System verbessert als auch der Nutzen für den Patienten erhöht werden. Doch auch ein solcher Vorgang läuft ins Leere, wenn die verschiedenen Systeme nicht kompatibel sind, wenn sich etwa, der Klassiker, Hausärzte und Krankenhäuser nicht über den digitalen Weg austauschen oder gegenseitig Daten nutzbar machen können. Und dass schlussendlich der hohe Standard an Datensicherheit nicht verlorengehen darf, das sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Es geht also nicht um eine vollständige Installation neuer Systeme. Ein überzeugendes Miteinander alter und neuer Tools wäre eine gute Lösung.

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