Digital Health beschreibt den Einsatz moderner Informationstechnologie zur Verbesserung der Kernfelder der Medizin: Prävention, Diagnostik, Kontrolle, Therapie und Verwaltung. Das beinhaltet auch Aspekte, deren Digitalisierung basierend auf klassischer Datenverarbeitung seit Jahrzehnten voranschreitet, wie beispielsweise die Archivierung von Röntgenbildern oder die Erfassung von Patientendaten. Die Kernfragen, die wir uns nun zu stellen haben: Wer fördert die Digitalisierung der Medizin und was steht dem Fortschritt im Weg? Was können wir tun, um den Fortschritt zum Wohle des Patienten zu beschleunigen? Von Dr. med. Dominik Pförringer

 

Über Jahrzehnte war das Kernthema der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie die Erstattungsfähigkeit von neuen Produkten. Nun, da sich im Gesundheitswesen vieles um die Digitalisierung dreht, steht wiederum neben dem Kernthema Datenschutz die Erstattungsfähigkeit im Fokus.

Deutschland – Land der Hürden, Land der Möglichkeiten

Bis dato stellen echte digitale Lösungen im Gesundheitsbereich in Deutschland nach wie vor eine Ausnahme dar. Lediglich eine kleine Minderheit an Medizinern und Therapeuten kämpft für und mit digitalen Lösungsansätzen für das Wohl der Patienten. Ängste, Bedenken und Ressentiments stellen nur einige der relevanten großen Hürden der Markteinführung und der anschließend notwendigen Akzeptanz bei Ärzten und Patienten dar.

Komplexe Themen angefangen vom Datenschutz über Dateneigentum, Ethik und Regularien sowie sicherlich nicht zuletzt die Vergütungsmöglichkeiten stehen der Innovation oft im Wege. Aktuell werden die innovativsten Ansätze zu großen Teilen durch Forschung, Industrie oder Selbstzahler, nur in seltenen Fällen von Versicherungen getragen. Deutschland wird die adäquaten Weichen richtigstellen müssen, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben und die Führung der Innovation nicht ins Ausland zu verlieren. Dies beinhaltet juristische gleichermaßen wie ökonomische Aspekte. Es gilt nun die Wege in die Zukunft nicht nur zu bauen, sondern diese auch attraktiv zu gestalten.

Dr. med. Dominik Pförringer: „Deutschland ist auf einem guten Wege!“ Bild: privat

Damit stellt sich die relevante Frage nach der Zuständigkeit und Kompetenz: Bis dato mangelt es oft NOCH an Beispielen und erfolgreichen Leuchtturmpro jekten, um die Umsetzung zu standar disieren. Erfreulicherweise nehmen die Möglichkeiten der staatlichen sowie privatwirtschaftlichen Förderung kontinuierlich zu und erleichtern dadurch jungen, engagierten Teams den Zugang zu diesem Spielfeld.

Erfolgreiche Beispiele weisen den Weg

Ja, es gibt sie, die zahlreichen erfolgreichen Beispiele für digitale Lösungen, die es im Rahmen von Pilotprojekten bereits in die selektive Erstattungsfähigkeit geschafft haben. Sei es die Tinnitus-Behandlungsmethode „Tinnitracks“, die telemedizinische Offerte „Teleclinic“ oder die zukunftsträchtige Rehabilitationsmethode „Caspar“. All jenen unerschrockenen Unternehmern ist es gelungen, einen oder gleich mehrere relevante Kostenträger vom positiven Effekt ihrer Lösungen zu überzeugen und sich den Aufwand erstatten zu lassen. Die Integration in die Regelversorgung und Erstattungsfähigkeit nach positivem Nutzennachweis stellt das Langfristziel dieser Pilotprojekte dar. Hier bestehen sowohl auf Seiten der Jungunternehmer als auch der Kostenträger Unklarheiten, wie sich die digitalen Innovationen in die bestehenden Vertragswerke integrieren lasse. Im Bereich der Radiologie ist das Start-up „Smart Reporting“ auf dem besten Wege, den Alltag der Radiologen zu strukturieren und damit zu vereinfachen, zum Wohle der Patienten.

Das Know-how und das Do-how sind die Kernpunkte

Um die Digitalisierung erfolgreich umzusetzen, sichtbare und relevante Fortschritte zu erzielen, bedarf es mehrerer Komponenten:

  1. Tiefgreifendes Verständnis von sowohl Medizin als auch Digitalisierung
  2. Solide Analyse der derzeitigen Probleme, Fragestellungen und Hürden
  3. Frühzeitige und dauerhafte Einbindung von Patient und Arzt
  4. Unabhängige nachhaltige Finanzierung der Entwicklungen
  5. Operative und ökonomische Integration der innovativen Lösung im klinischen Umfeld

Die echten Chancen in der Digitalisierung der Medizin liegen in der Geschwindigkeit, neue Lösungen zur Marktreife zu entwickeln und basierend auf Pilotprojekten eine individuelle Vergütung mit selektiven Kostenträgern zu ermöglichen. Langfristiges Ziel ist es, in das Dreieck der derzeitigen Versorgung und Erstattung zu gelangen, das heißt die technische Lösung kommt dem Patienten zugute und wird von seiner Versicherung vergütet. Ein Ziel bzw. Wunschdenken der Digitalisierung besteht in der Beschleunigung und Vereinfachung dieser komplexen Prozesse, um den Patienten frühzeitig von neuen Lösungen profitieren zu lassen. Durch konsequente Vernetzung und den Einsatz erfahrener Experten ist dies in vielen Fällen möglich und kann von den Entscheidungsträgern in der Gesundheitswirtschaft unterstützt werden.

Ausblick

Deutschland ist auf einem guten Wege, die Innovation findet in den Hubs und Innovationszentren statt, neben Berlin entwickeln sich im Rheinland sowie Bayern Hochburgen des medizinisch digitalen Fortschritts. Die Umsetzung, konkret der Weg in die Klinik, ins Labor und in die Erstattung, kann weiter beschleunigt werden. Generell sind wir auf einem positiven Weg. Da die internationale Konkurrenz jedoch nicht schläft, gilt es die Geschwindigkeit des Fortschritts auf hohem Niveau zu halten. Aufgabe der Politik ist unter anderem die Katalyse der Prozesse, die Eintrittshürden zu senken und die Umsetzbarkeit der Innovation zu beschleunigen. Inkubatoren und Akzeleratoren sprießen, wachsen und gedeihen ebenso wie das Interesse am Markt. „Digital Healthcare Germany – here we come!“

 

ZUM AUTOR

Dr. med. Dominik Pförringer ist Orthopäde und Unfallchirurg am Klinikum rechts der Isar der TU München. Neben seiner Forschung im Digitalisierungsbereich ist er aktiv als Unternehmensberater, stellt VC-Fonds sein Wissen zur Verfügung, bildet Mediziner in ökonomischen und Digitalthemen aus. Zudem fungiert er als Mentor für Healthcare IT Start-ups.

Über den Autor

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