Dr. Karl Nägler, Partner, Gimv

Im Healthcare-Bereich wird immer Geld ausgegeben dank höherer Lebenserwartung und erweitertem Gesundheitsbewusstsein. Dieser steigende Bedarf kann aber nur durch innovative Geschäftsmodelle bzw. -technologien gedeckt werden. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt Dr. Karl Nägler, Partner bei der Investmentgesellschaft Gimv, warum gerade der deutsche Healthcare-Markt zu interessant ist und in welchen Bereichen er aktuell das größte Potenzial für ein Investment sieht.

GoingPublic: Herr Dr. Nägler, was macht den Healthcare-Markt generell für Investments spannend?
Nägler:
Er ist interessant, weil es ein stabiler Bereich ist, wo immer Geld ausgegeben wird. Gleichzeitig steigt allerdings auch der Bedarf. Die erhöhte Lebenserwartung spielt der Nachfrage dabei in die Hände. Um den steigenden Bedarf bei stabilem Budget decken zu können, werden innovative Geschäftsmodelle und -technologien nötig sein, um gleiche oder bessere Leistung bei niedrigeren Kosten bereitzustellen.

GoingPublic: Wie wichtig ist der deutsche Healthcare-Markt?
Nägler:
Deutschland ist im Healthcare-Bereich einer der wichtigsten und größten Märkte in Europa. Im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern ist der Markt hier bereits gereift, was an der fortgeschrittenen Privatisierung in vielen Bereichen (z.B. Krankenhäuser) zu erkennen ist. Aber diese Privatisierungen sind auch ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist dadurch der Markt erwachsener geworden. Auf der anderen Seite tummeln sich aber schon recht viele Kapitalgeber, (prä-)konsolidierte Plattformen und Strategen in diesem Bereich, was die Konkurrenz für uns erhöht.

GoingPublic: Und warum ist Deutschland für Investoren in diesem Segment so attraktiv?
Nägler:
Weil er trotz der fortschreitenden Privatisierung weiterhin interessante Optionen bietet. Das zeigt uns, dass hier zwar schon viel PE-Aktivität war, aber diese auch künftig noch möglich ist. Deutschland verfügt zusätzlich über eine sehr gute Technologiebasis und über einen guten Managementpool. Hierzulande ist es möglich, gute Ideen zu finden und daraus ein Geschäft zu machen. Der Markt ist groß genug, so dass man in manchen Segmenten auch mit einer rein deutschen kommerziellen (Validierungs-)Strategie ohne internationale Ausrichtung erfolgreich sein kann.

GoingPublic: In welchen Bereichen sehen Sie aktuell das größte Potenzial?
Nägler:
Zu den interessanten Bereichen gehören z.B. Labore, vor allem diejenigen, die sich auf bestimmte Nischen spezialisiert haben. Auch in Spezialkliniken – natürlich auch hier in speziellen Segmenten – sehe ich großes Potenzial. Sehr beobachtenswert finde ich Häuser, die sich auf bestimmte Behandlungen spezialisiert haben und einem sogenannten vollständigen „Treatment Path“ integriert anbieten: Es ist gut koordiniert, was mit dem Patienten passiert, von der OP bis zur Reha, und alles findet an einem Ort statt. Dadurch können dem System insgesamt Kosten gespart werden, weil dies so viel effizienter ist.

GoingPublic: Welche Kriterien muss ein Unternehmen erfüllen, damit Sie investieren?
Nägler:
„Health & Care“ ist eine der vier Investmentplattformen von Gimv. Die Kriterien unterscheiden sich zwischen einem Frühphasen- und einem Later-Stage-Investment. Uns stehen bis zu 30 Mio. EUR pro Transaktion an Equity für Investitionen zur Verfügung. Auch sollten die Unternehmen eine gewisse Größe haben. Darüber hinaus wollen wir als Gimv Lead-Investor sein. Es ist uns wichtig, Mitglied des Aufsichts- oder Beirats zu werden. Auch muss eine klare „Value Creation“-Strategie vorliegen. Für ein Frühphaseninvestment heißt das, dass es klare Meilensteine geben muss. Bei den Later-Stage-Investments hingegen geht es darum, dass die weiteren Ziele klar definiert sind.

GoingPublic: Und welche Exit-Strategie verfolgen Sie?
Nägler:
In diesem Punkt unterscheiden wir uns von anderen Investoren. Wir haben einen sogenannten Evergreen-Fonds, was heißt, dass wir den Fonds nicht nach beispielsweise zehn Jahren schließen müssen, was den Exitd-Druck erhöhen würde. Natürlich suchen wir auch gute Exit-Möglichkeiten, haben über unseren Fonds aber die Option, in Unternehmen auch länger investiert zu bleiben. Bei Investitionen, bei denen die technologische Innovation im Mittelpunkt steht, ist die meist genutzte Strategie nach wie vor der Trade Sale. Bei den Later-Stage-Fällen ist es häufig der Kauf durch einen Strategen, der Secondary Deal, oder ein Börsengang.

GoingPublic: Personalisierte Medizin scheint einen immer höheren Stellenwert einzunehmen. Wo steht dieser Bereich heute und wo könnte die Reise hingehen?
Nägler:
Der Bereich ist auf jeden Fall wichtig und interessant. Bei fast jedem Drug-Development-Projekt und fast jeder Biotech-Firma spielt dieses Thema mittlerweile eine gewisse Rolle: Lässt sich eine Patientenpopulation definieren, die von diesem Präparat besonders profitiert? Gimv war zum Beispiel bei der Plexxikon beteiligt, deren Krebsmedikament Zelboraf nur bei Patienten verwendet wird, deren Tumore eine Mutation im „BRAF“-Gen aufweist. Doch bei Start-ups, welche sich auf die Entwicklung von Companion-Diagnostics spezialisiert haben, ist das Geschäftsmodell oft problematisch. Die Frage ist, ob man damit Geld verdienen kann, denn am Ende steht das Medikament im Mittelpunkt und gilt als werthaltiger als das Companion Diagnostic. Gleichzeitig besteht häufig eine Abhängigkeit von den Anbietern diagnostischer Plattformen. Das macht es für diese Unternehmen nicht gerade leicht, ein Erfolg versprechendes Geschäftsmodell zu etablieren.

GoingPublic: Neben Biowissenschaften und Medizintechnik liegt der Fokus von Gimv auch auf Gesundheits- und Pflegediensten. Wie bewerten Sie diesen Bereich aktuell? Und welche Trends zeichnen sich hier ab?
Nägler:
Dabei handelt es sich auf jeden Fall um ein wichtiges Segment, schließlich geht es hier um 10 bis 15 Mrd. EUR, die bis 2030 investiert werden müssen, um der steigenden Nachfrage zu begegnen. In Deutschland sind die meisten Pflegeheime noch in öffentlicher oder gemeinnütziger Trägerschaft, und nur 10% gehören zu den großen privaten Ketten. Daher wird der Markt auch künftig sehr dynamisch bleiben. Die Effizienzsteigerung steht dabei im Fokus. Diese kann man aber nur erreichen, wenn man konsolidiert, Best Practices ausweitet und die Auslastung sichert, ohne dass die Qualität darunter leidet. Ein großes Problem ist auf jeden Fall das mangelnde Pflegepersonal.

GoingPublic: Herr Dr. Nägler, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Das Interview führte Maximiliane Worch.

Das Interview erscheint der Sonderbeilage “Healthcare 2013″ des GoingPublic Magazins – Jetzt vorbestellen.

 

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