Ende Februar hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Alarm geschlagen: Der veröffentlichte WHO-Report beinhaltet eine globale Prioritätenliste Antibiotika-resistenter Bakterien als Leitlinie für Forschung, Entdeckung und Entwicklung neuer Antibiotika (Global Priority List of Antibiotic-Resistant Bacteria to Guide Research, Discovery and Development of New Antibiotics). Denn herkömmliche Antibiotika stoßen immer häufiger an ihre Grenzen. Doch die Pharmafirmen vernachlässigen die Forschung – der Markt ist ihnen nicht lukrativ genug.  

Das große Geld machen Pharma- und Biotech-Firmen nicht mit Medikamenten, die nur für wenige Tage verschrieben werden, sondern mit „Volkskrankheiten“ wie Krebs und Diabetes. Auch die Forschung an Alzheimer-Medikamenten verspricht im Erfolgsfall langfristig hohe Einnahmen. Seit rund 30 Jahren ist keine neue Generation von Antibiotika mehr auf den Markt gekommen. Seitdem haben sich zahlreiche neue Keime und Bakterien entwickelt, denen mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu begegnen ist.

Nur (noch) wenige Vorreiter

Die Gründe für die fortschreitende Resistenz von Antibiotika sind vielfältig: So unterliegt die Mutation von Keimen und Bakterien einem natürlich Prozess. Dieser wird durch einen unsachgemäßen und häufig vorschnellen Einsatz von Antibiotika noch unterstützt. Auch führt die mangelnde Aufklärung von Patienten zu einem unsachgemäßen Einsatz. Mangelnde Hygiene in Krankenhäusern begünstigt darüber hinaus die Bildung resistenter Keime. So geht das Bundesgesundheitsministerium davon aus, dass sich allein in Deutschland jährlich bis zu 600.000 Menschen in Krankenhäusern mit Antibiotika-resistenten Keimen infizieren. Bis zu 15.000 Betroffene sterben daran.

Doch kaum ein Pharmariese engagiert sich noch in diesem Nischenmarkt. Die Entwicklungszeiten sind ähnlich lang und aufwendig, wie im Bereich der lukrativen Onkologie- oder Diabetes-Forschung, die späteren Einnahmen, wie bereits erwähnt, aber ungleich niedriger. Firmen wie Novartis, Roche oder GlaxoSmithKline bilden eine Ausnahme. In Deutschland haben Bayer und Merck längst andere Prioritäten gesetzt. Lediglich die Hamburger Evotec AG oder die Wuppertaler AiCuris sind als aktive Player in der hiesigen Antibiotika-Forschung bekannt. Ihre Forschungen befinden sich jedoch noch im präklinischen oder Phase 1-Stadium. Der Ausgang ist also noch völlig ungewiss.

Frage des Patentschutzes

Ohne besondere, will heißen: staatliche Anreize, gibt es für Pharma- und Biotech-Unternehmen kaum eine Motivation, sich in die Antibiotika-Forschung zu stürzen. Umso mehr setzt die Politik auf Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie. Das jüngst verabschiedete Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung soll immerhin sogenannte „Reserve-Antibiotika“ bei der Vergütung besser stellen. Zwar wird das globale Umsatzpotenzial des Antibiotika-Marktes auf rund 40 Mrd. USD geschätzt – davon werden jedoch weniger als fünf Mrd. USD mit patentgeschützten Antibiotika erzielt. Geht man von Schätzungen des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa) aus, so kann die Entwicklung eines neuen Antibiotikums bis zur Marktreife rund 1,5 Mrd. EUR kosten – was bringen da Zuschüsse des Bundesforschungsministeriums von jährlich bis zu 27 Mio. EUR für zeitlich befristete Projekte, die überdies nicht an große Industrievertreter ausgezahlt werden?  Da mag es ehrenwert erscheinen, wenn sich Start-ups oder „Small Pharma“ in diesem Bereich tummeln, doch wie und woher sollen sie dringend benötigtes Kapital für Forschung und Entwicklung akquirieren?

„Big Pharma“ wieder ins Boot

Sollte die grassierende Antibiotika-Resistenz tatsächlich fortschreiten, könnte ein wichtiger Grundpfeiler der modernen medizinischen Versorgung in einigen Jahren obsolet werden – ein Horrorszenario. Schon kleine Infektionen oder chirurgische Eingriffe könnten sich als lebensbedrohlich erweisen. Aus der Industrie ist zu hören, es brauche nicht nur neue Therapien, sondern auch bessere Biomarker zur Risikoabschätzung und genaueren Steuerung der Therapie. Vielleicht sollte die Politik, einmal mehr, darüber nachdenken, weitere Anreize zu setzen, um auch „Big Pharma“ wieder ins Boot zu holen. Dabei geht es weniger um finanzielle Zuschüsse. Denn nicht neu ist die Forderung, es müssten die bestehenden Bedingungen für die klinische Forschung überdacht und Zulassungsprozesse vereinfacht werden. Auch beim Thema „Patentschutz“ ließe ich ein wichtiger Hebel setzen. Es gibt also Möglichkeiten, die Antibiotika-Forschung weiter anzukurbeln.

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