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Mit diesem Spin-off trennt sich Bayer von wesentlichen Teilen seiner Chemie- und Polymeraktivitäten, die kein ausreichendes Wachstums- und Innovationspotential aufweisen. Auch wenn Lanxess nur einen Teil der alten Bayer repräsentiert, ist sie aber alles andere als ein kleines Unternehmen. Im Gegenteil zählt sie mit einem Umsatz von rund 6 Mrd. Euro und mehr als 20.000 Mitarbeitern zu den Großen der Branche und nimmt in Europa den sechsten Platz ein. In Deutschland ist sie nach BASF und Degussa der drittgrößte reine Chemiekonzern. Das Unternehmen ist bereits heute in 21 Ländern mit 50 Produktionsstandorten und über 50 Gesellschaften vertreten. Bei außerbörslichen Kursen um die 16 Euro wird die Gesellschaft derzeit mit knapp 1,2 Mrd. Euro bewertet. Nach dem Börsengang dürfte das Unternehmen damit sehr schnell eine Position im MDax anstreben.

Die Rendite läßt zu wünschen übrig
Ab dann kommt aber auch das Börsenumfeld zum Tragen, und Anleger müssen sich entscheiden, ob sie an der weiteren Entwicklung der Lanxess AG teilhaben oder sich lieber von der „geschenkten“ Aktie trennen wollen. Außerdem müssen neue Anleger von einem Engagement überzeugt werden, was alles andere als einfach ist. Schon die Aussage, daß in Lanxess die eher wachstums- und renditeschwachen Segmente ausgegliedert werden, klingt nicht sehr Vertrauen erweckend. Und die Skepsis wird bei einem Blick auf die Zahlen der ersten neun Monate 2004 bestärkt: Während Lanxess auf Basis des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) nur eine Rendite von 7,3 % erwirtschaftet hat, glänzen die Wettbewerber BASF und Degussa im gleichen Zeitraum mit Margen von 17,6 bzw. 14,8 %. Bei anderen Branchenvertretern in Europa sieht es ähnlich aus. Der Schwerpunkt der Arbeit der nächsten Jahre, das wurde von Vorstandschef Axel Heitmann in den letzten Wochen immer wieder betont, wird deshalb ganz klar die Steigerung der Effizienz und Rendite sein. In dem hart umkämpften Markt ist dies praktisch nur über Kostensenkungen möglich, Preiserhöhungen oder Mengenausweitungen sind fast undenkbar. Eine möglichst schlanke Unternehmensstruktur und eine strikte Kostenkontrolle sind unerläßlich. Ein ganz wesentlicher Faktor sind dabei die Mitarbeiter, die künftig auf übertarifliche Bezüge weitgehend verzichten müssen, was jährliche Einsparungen von rund 20 Mio. Euro bringen soll. Zugute kommt dem Vorstand, daß die notwendigen Maßnahmen in einem selbständigen Unternehmen sicher leichter umzusetzen sind als im Konzernverbund.

Enormer Konkurrenzdruck
Die niedrige Rendite liegt an der Struktur des Geschäfts, das sich in vier Bereiche aufteilt: Im Segment „Performance Rubber“ konzentriert sich Lanxess auf Kautschukprodukte für die Gummi- und Reifenindustrie, der Bereich„Engineering Plastics“ ist focussiert auf die Produktion von hochwertigen Kunststoffen für Elektrogeräte und den Fahrzeugbau. Unter „Chemical Intermediates“ sind Basischemikalien, Zwischenprodukte unter anderem für die Pharmabranche zusammengefaßt. „Performance Chemicals“ schließlich ist ein Segment der klassischen Spezialchemie und umfaßt vor allem Veredelungsmittel für die Textilindustrie und Kunststoffadditive. Insgesamt stellt Lanxess mehr als 5.000 Produkte aus den Bereichen Polymere und Chemikalien her. Das tun aber auch viele andere, da die Markteintrittsbarrieren sehr niedrig sind. Die Konkurrenz hat sich auf dieses Problem längst eingestellt und die Kostenstruktur entsprechend angepaßt. Das Gleiche soll durch einen strikten Sparkurs jetzt auch bei Lanxess gelingen. Das erste Etappenziel ist eine EBITDA-Rendite von 9 bis 10 % für das Jahr 2006.

Hohe Verschuldung
Bilanziell wurde die Basis für eine profitable Zukunft mit einem „Großreinemachen“ im Jahr 2003 gelegt. Im Rahmen eines Impairment-Tests wurden die Bewertungen aller Vermögenswerte überprüft und an die schwierigere Situation vor allem von Seiten der Rohstoffe und der Wechselkurse angepaßt. Insgesamt summierten sich die Wertberichtigungen im Jahresabschluß auf erhebliche 988 Mio. Euro, weshalb für 2003 mit einem Jahresfehlbetrag von 997 Mio. Euro tiefrote Zahlen ausgewiesen wurden. Nach diesem radikalen Schnitt ist Lanxess nun von möglichen Altlasten befreit und muß von dieser Seite keine weiteren Abschreibungen befürchten. Gelitten hat unter den radikalen Wertberichtigungen allerdings das Eigenkapital, das sich zum Jahresende 2003 auf nur noch 1,36 Mrd. Euro fast halbiert hat und im vergangenen Jahr noch etwas weiter nachgegeben haben dürfte. Zumindest wird für die ersten neun Monate 2004 noch einmal ein Verlust von 8 Mio. Euro ausgewiesen. Gegenüber dem Vorjahr, als im gleichen Zeitraum noch 113 Mio. Euro Verlust anfielen, bedeutet dies zwar eine deutliche Verbesserung, von „Rendite“ kann aber noch keine Rede sein. Nicht wirklich überraschen kann deshalb die Aussage, daß die Aktionäre mindestens für die Jahre 2005 und 2006 noch mit keiner Dividende rechnen können. Die Eigenkapitalquote liegt mit 30 % zwar noch auf einem akzeptablen Niveau, die Nettoverschuldung, die sich zum 30.6.2004 auf 1,5 Mrd. Euro summierte, gibt aber schon zu denken. Daß dennoch mit „Investmentgrade“ ein akzeptables Rating erreicht werden konnte, ist vor allem einer Wandelanleihe im Volumen von 200 Mio. Euro zu verdanken, die als Eigenkapital gewertet wird. Gezeichnet wurde diese Anleihe komplett von der Bayer AG. Zwar ist die Unterstützung durch die Noch-Muttergesellschaft an sich lobenswert, dennoch zählt der Abbau der hohen Verschuldung neben der Steigerung der Rendite zu den wichtigsten Maßnahmen der kommenden Jahre.

Fazit
Vorstandschef Heitmann hat noch viel Arbeit vor sich, um Lanxess ähnlich gut aufzustellen wie die Wettbewerber in Deutschland und Europa. Obwohl mit rund 70 % der Produkte eine führende Marktposition eingenommen wird, kann die Rendite nicht überzeugen. Es kommt der Eindruck auf, daß Kostensenkungsmaßnahmen nicht rechtzeitig begonnen wurden und jetzt nach der Abspaltung um so rigoroser durchgeführt werden sollen, was in dem hart umkämpften Markt nicht einfach sein wird. Insofern ist es fraglich, ob die Lanxess-Aktie tatsächlich ein lukratives Investment sein könnte. Weder sind ausreichende Gewinne absehbar noch können die Aktionäre vorerst mit einer Dividende rechnen. Es steht zu befürchten, daß viele Aktionäre die Handelsaufnahme nutzen werden, um sich von ihren Lanxess-Papieren zu trennen. Sollten die derzeitigen außerbörslichen Kurse unterhalb des Buchwerts, der zur Zeit bei rund 18 Euro liegen dürfte, aber tatsächlich auch nach Aufnahme des Börsenhandels Bestand haben, könnten sich durchaus Chancen ergeben, wenn erst einmal Erfolge der Optimierungsmaßnahmen absehbar sind.