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Nachdem zahlreiche potentielle Börsenkandidaten aus der deutschen Biotech-Szene in den letzten Monaten über Umwege ihren Platz am Kapitalmarkt fanden – erinnert sei hier die an die Ars Arthro AG, die mit der britischen Endospine Kinetics Ltd. fusionierte und als Arthro Kinetics plc im Februar 2006 ihr Listing am AIM vollzog sowie an die Fusion der CancerVax Corp. mit der Micromet AG –, nimmt mit der Regensburger GENEART AG endlich ein deutsches Biotech-Unternehmen den direkten Weg auf das Börsenparkett in Frankfurt am Main, und dabei als erstes im Entry Standard. Das IPO wird von der WestLB begleitet. GoingPublic wagt vor diesem „historischen“ Hintergrund einen besonders genauen Blick hinter die Kulissen des Kandidaten und des Börsengangs.

Unternehmenshintergrund
GENEART hat sich als Hersteller und Dienstleister im Bereich der Gensynthese und nachgelagerter DANN-Prozeßschritte (DNA Engineering und Processing) spezialisiert. Die Herstellung von maßgeschneiderten künstlichen Genen steht dabei im Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit. Durch die seit Januar 2005 erteilte Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001:2000 setzt GENEART einen Qualitätsstandard und ist damit der weltweit erste Anbieter von Gensyntheseleistungen, deren Prozesse von der Antragsannahme über den Produktionsprozeß bis hin zur Auslieferung zertifiziert sind. Die Idee zur Gründung der Gesellschaft 1999 basierte auf einem Problem des damaligen Leiters des Bereichs HIV-Impfstoffentwicklung & Gentherapie am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg und heutigen CSO, Prof. Dr. Ralf Wagner. Dieser benötigte ein bestimmtes synthetisches Gen als HIV-Impfstoffkandidat. Da die externe Herstellung zu teuer und zu lange gedauert hätte, entwickelte der damalige Doktorand und spätere Mitbegründer der Gesellschaft, Dr. Markus Graf, ein Verfahren zur Herstellung künstlicher Gene. Im Vorstand der Gesellschaft agiert neben Prof. Ralf Wagner weiterhin Christian Ehl als CFO. Mittlerweile ist GENEART zu einem Unternehmen mit mehr als 60 Mitarbeitern mit Sitz im BioPark Regensburg gewachsen. Im November 2005 eröffnete die Gesellschaft eine Vertriebsrepräsentanz in Toronto. Als Investoren im Rahmen zweier Venture Capital-Finanzierungen konnte die GENEART AG die equinet Venture Partners AG, die S-Refit AG, die tbg und Bayern Kapital gewinnen.

Die Gensynthese stellt mit ca. 77 % des 2005 generierten Konzernumsatzes das Kerngeschäft von GENEART dar. Die hier hergestellten synthetischen Gene werden insbesondere in der Output-Verbesserung, der kombinatorischen Biologie (Entwicklung innovativer Medikamente und verbesserter Industrieenzyme) und in der Entwicklung DNA-basierter Wirkstoffe eingesetzt. Dabei nutzt GENEART insbesondere die eigenentwickelte GeneOptimizer-Software für das Sequenz-Design, deren Patenterteilung jedoch noch aussteht. In der zukünftigen Strategie plant die Gesellschaft auch eine Expansion entlang der Wertschöpfungskette in die Geschäftsfelder Gene Evolution und Gene Delivery. Im Bereich Gene Evolution verfolgt die Gesellschaft die Generierung einer Bibliothek eines bestimmten Gens mit unterschiedlichen Mutationen, um z.B. die Funktion und Struktur von Proteinen zu untersuchen. Die kundengerechte Bereitstellung von synthetischen Genen und Genbibliotheken in Form eines Vektors oder Plasmids steht im Mittelpunkt des Geschäftsbereiches Gene Delivery. Der Emissionserlös soll maßgeblich in die Kapazitätserweiterung der bestehenden Infrastruktur der Gensynthese sowie in das Wachstum der neuen Geschäftsbereiche Gene Evolution und Gene Delivery investiert werden.

Die Gesellschaft favorisiert in ihrer Marketingstrategie den Direktvertrieb auf Fachtagungen und Konferenzen. Für die Erschließung vergleichsweise schwer zugänglicher Märkte wie Japan (Partner: Takara Bio Group), Taiwan (Prisma Biolabs) und Israel (Hy Laboratories) hat die Gesellschaft exklusive Vertriebskooperationen abgeschlossen. Zu den wichtigsten Kunden der Gesellschaft zählen neben global agierenden Pharma- und Biotechnologie-Unternehmen auch namhafte Forschungsinstitute, so unter anderem QIAGEN, Novartis Pharma, Invitrogen, Genencor International, Takara Bio oder die International AIDS Vaccine Initiative iavi.

Geschäftsentwicklung
GENEART konnte mit ihrer derzeitigen Geschäftsaufstellung im Geschäftsjahr 2005 bei einem Gesamtumsatz von 4,5 Mio. Euro auf operativer Ebene den Break Even erreichen. Das EBITDA betrug 0,355 Mio. Euro und das EBIT 0,074 Mio. Euro. Das Netto-Ergebnis lag noch bei- 0,099 Mio. Euro.

Der Markt für Gensynthese ist in seinem noch jungen Entwicklungsstadium vom vermehrten Aufbau von Kapazitäten und einhergehenden Skaleneffekten geprägt. Diese führten zu einem erheblichen Preisverfall und damit zum Marktaustritt einiger Anbieter. Von 30 externen Anbietern im Jahr 2000 sind nach Angabe der Gesellschaft heute noch acht Wettbewerber übrig. Daneben existieren In-House-Kapazitäten von großen Pharmaunternehmen.

Die direkten Wettbewerber von GENEART gehören zu den externen Anbietern, zu den Gen-Auftragssyntheseherstellern. Die Gesellschaften sind ausnahmslos nicht börsennotiert. Zu den wichtigsten gehören Blue Heron, DNA 2.0, Biobasic, Sloning, Codon-Devices sowie Entelechon, Microsynth oder ATG:biosynthetics.

Unternehmensbewertung
Die Analysten der begleitenden Emissionsbank WestLB haben mit Hilfe einer Peer Group-Bewertung und eines DCF-Modells einen Unternehmenswert (Pre-Money) von 38 bis 52 Mio. (Peer Group) bzw. 49 Mio. >Euro (DCF) ermittelt. Im Rahmen der Kapitalerhöhung fließen dem Unternehmen auf Basis der Preisspanne von 24 bis 29 Euro rund 15,6 bis 18,9 Mio. Euro zu. Für die Peer Group wählten die Analysten die deutsche Morphosys (Entwicklung und Design humaner monoklonaler Antikörper), die britische Abcam (Anbieter von Antikörpern und Reagenzien), die dänische Novozymes (Herstellung von Enzymen und Mikroorganismen) und die amerikanische Illumina (Entwicklung von Analysewerkzeugen der genetischen Variation und Funktion).
Transaktionsstruktur
Die Einbeziehung der GENEART-Aktien im Open Market mit Einbeziehung in den Entry Standard der Frankfurter Wertpapierbörse ist für den 23. Mai 2006 vorgesehen. Es werden insgesamt bis zu 650.000 Aktien aus einer Kapitalerhöhung und bis zu 110.000 Aktien aus dem Bestand von Finanzinvestoren angeboten. Ein vorgesehener Greenshoe beläuft sich auf weitere bis zu 100.000 Aktien aus dem Besitz von Altaktionären und Finanzinvestoren. Dies bedeutet eine Abgabe der Eigner von rund 26 % bei Berücksichtigung des vollständig ausgenutzten Greenshoes oder rund 17 % ohne Berücksichtigung. Die weiterhin maßgeblich beteiligten Altaktionäre (rund 73 % ohne Greenshoe bei Management und Finanzinvestoren) haben sich zu einer Lock-up-Periode von 12 Monaten verpflichtet.

Fazit:
Durch den Börsengang kann es gelingen, durch die dann möglichen Investitionen in die Kapazitätsausweitung weitere Marktanteile zu gewinnen und am aufkommenden Trend des Outsourcings zu partizipieren. Dennoch kann das von der Gesellschaft geplante Wachstum im Kerngeschäft mit einem CAGR von 48 % über die nächsten fünf Jahre bis 2010 als sehr ambitioniert angesehen werden. Nicht nur weiter zu erwartende Preissenkungen, der Einstieg neuer finanzkräftigerer Marktteilnehmer, zum Beispiel Spin-offs aus der Pharma-Industrie, können den Wettbewerb erhöhen. Die neuen Geschäftsfelder müssen darüber hinaus eine nachhaltige Entwicklung noch belegen, und die proprietäre, noch nicht patentierte Technologie der Gesellschaft hat sich am Markt erst noch zu etablieren. Positiv bleibt festzuhalten, daß es der Gesellschaft mit dem bestehenden Management gelungen ist, mit überschaubaren finanziellen Mitteln eine aussichtsreiche Marktposition zu erreichen. Vor diesen Überlegungen sollte die Unternehmensbewertung von den Investoren allerdings kritisch hinterfragt werden. Ein Investment drängt sich daher nicht auf.

Robert Steininger

Tab. 1: Peer-Group-Vergleich

Unternehmen

Kurs

EV in

EV/Umsatz

EV/EBITDA

in Euro

Mio. Euro

2007e

2007e

Morphosys

46,50

248

4,2

21,6

Abcam

3,60

123

3,4

n/a

Illumina

25,00

1.033

7,3

n/a

Novozymes

57,20

3.560

3,6

15,0

Quelle: WestLB Research

GENEART AG – Emissionsparameter
WKN    A0JJ4L
Erstnotiz           23. Mai
Zeichnungsfrist  17. bis 19. Mai
Bookbuilding-Spanne     24 bis 29 Euro
MarketCap        54 bis 65 Mio. Euro
Marktsegment   Open Market (Entry Standard)
Volumen           650.000 Aktien aus einer Kapitalerhöhung, 110.000 Stück von Altaktionären, Greenshoe 100.000 Stück – ebenfalls von Altaktionären
Konsortium       WestLB
Free Float        29 % (nach Greenshoe)