Dr. Kai Kleeberg, Finanzvorstand, VTG AG

Die Hamburger VTG zählt zu Europas größten Schienenlogistikunternehmen. Dabei operiert die Gesellschaft in der Vermietung von Waggons und Tankcontainern unabhängig von nationalen Eisenbahnunternehmen. Das GoingPublic Magazin sprach mit Dr. Kai Kleeberg über die Konjunktursensitivität des Logistikmarktes, die eigene Wachstumsperspektive und die Bedeutung von Corporate Governance.

GoingPublic: Herr Dr. Kleeberg, mit welchen Erwartungen gehen Sie in das kommende Jahr?
Kleeberg:
Für den VTG-Konzern haben wir unterschiedliche Erwartungen an das kommende Jahr. In der Waggonvermietung rechnen wir auch aufgrund zahlreicher Auslieferungen von Neubauwaggons mit einer stabilen Geschäftsentwicklung. Ein unverändert schwieriges Marktumfeld erwarten wir hingegen im Bereich der Logistikeinheiten. In der Schienenlogistik gehen wir davon aus, dass die Neustrukturierung erste Früchte tragen wird. In der Tankcontainerlogistik erwarten wir jedoch ein anhaltend intensives Wettbewerbsumfeld. Dort ist es unser Ziel, unsere Margen zu behaupten. Insgesamt sehen wir eine unsichere Wirtschaftsentwicklung in Europa voraus und glauben, dass die Weltwirtschaft sich auch weiterhin vermehrt auf Schwankungen einstellen muss.

GoingPublic: Wie sehr würde eine Rezession in Deutschland Ihr Geschäft und den Schienengüterverkehr im Allgemeinen treffen?
Kleeberg:
Im VTG-Konzern spüren wir eine Rezession in der Regel zeitverzögert und in abgemilderter Form. Grund dafür sind langfristige Verträge mit unseren Kunden in unserem Kerngeschäftsbereich Waggonvermietung, die unsere Waggons in ihre Produktionsabläufe eingebunden haben. Darüber hinaus transportieren unsere Waggons in erster Linie Basisprodukte, die aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken sind. Auch der Geschäftsbereich Schienenlogistik trägt mit seinen Transportkonzepten zu dieser Basisversorgung bei. Am schnellsten spüren wir eine konjunkturelle Abkühlung in der Tankcontainerlogistik. Dort werden größtenteils flüssige chemische Erzeugnisse transportiert, die den Schwankungen der chemischen Industrie unterliegen. Damit ist die Tankcontainerlogistik unser Frühindikator für wirtschaftliche Veränderungen.

In der Wagonvermietung erwartet VTG eine stabile Geschäftsentwicklung

GoingPublic: Was können Sie tun, um diese negativen Einflüsse abzumildern?
Kleeberg:
Wir können Waggons jederzeit länderspezifisch einsetzen und falls notwendig auch verschieben. Mit unseren langfristigen Verträgen liegt das Auslastungsrisiko darüber hinaus zunächst bei unseren Kunden. In den beiden Logistikbereichen können wir durch unser flexibles Flottenmanagement zeitnah die Kosten reduzieren.

GoingPublic: Worin besteht die Wachstumsperspektive für VTG und liegt diese eher in Märkten außerhalb Europas?
Kleeberg:
Für unsere verschiedenen Märkte haben wir individuelle Strategien entwickelt. So wollen wir auch zukünftig Europas führender privater Waggonvermieter bleiben und unseren Marktanteil ausbauen. Ein Weg dahin ist die weitere Diversifizierung unserer Flotte. In unseren neuen Märkten Russland und Amerika haben wir zuletzt den Markteintritt erfolgreich vollzogen. Nun möchten wir dort unsere Marktpräsenz stärken und unser Geschäft ausbauen.

GoingPublic: Welche Rolle spielen hierbei Zukäufe und Kooperationen?
Kleeberg:
In der Vergangenheit haben wir bereits mehrfach gezeigt, dass wir unser Geschäft über Kooperationen und Zukäufe erfolgreich ausbauen konnten. Beispielsweise kooperiert die Tankcontainerlogistik seit dem Jahr 2008 in China mit Cosco Logistics in einem Joint Venture. Auch in Russland und den USA sind wir jeweils mit einer Akquisition in den Markt eingestiegen. Wichtig ist uns dabei, dass ein Zukauf zu uns und unserer Strategie passt.

GoingPublic: In der Tankcontainerlogistik bieten Sie Leistungen für Schiene, Straße und den Schiffsverkehr an. Wie einträglich ist dieses Geschäft im Vergleich zu den anderen Sparten?
Kleeberg:
Die Tankcontainerlogistik ist zwar unser kleinster Geschäftsbereich, bietet aber unseren Kunden weltweit durch den intermodalen Einsatz der Tankcontainer große Vorteile in Bezug auf Sicherheit, Kosten- und Zeitersparnis. Der Bereich trägt etwa 20% zum Konzernumsatz bei und leistet einen wichtigen Ergebnisbeitrag. Für ein Logistikgeschäft ist die Marge vergleichsweise gut.

GoingPublic: Zum Gewinn des diesjährigen „Deutschen Investor Relations Preises“ aus dem Bereich der SDAX-Unternehmen kann man Sie beglückwünschen. Wie gewährleisten Sie eine offene und transparente Kommunikation mit den Finanzmarktteilnehmern?
Kleeberg:
Wir sind davon überzeugt, dass der persönliche Kontakt durch nichts zu ersetzen ist. Darum führen wir in jedem Jahr eine große Anzahl von Roadshows durch, nehmen an vielen Investorenkonferenzen teil und zeigen Präsenz am Finanzplatz. Gerne nehmen wir auch die Rückmeldungen unserer Gesprächspartner auf und versuchen, so unsere Kommunikation kontinuierlich zu verbessern. Dabei spielen eine professionelle Vorbereitung, Offenheit und Transparenz für uns eine entscheidende Rolle.

GoingPublic: Was zeichnet für Sie grundsätzlich gute Corporate Governance aus?
Kleeberg:
Als SDAX-Unternehmen haben wir den größten Teil des Corporate Governance Kodex umgesetzt. Das zeigt, dass wir dieses Instrument sehr ernst nehmen. Dabei sehen wir aber auch ganz genau hin, welche Regeln und Anforderungen für ein Unternehmen unserer Größe sinnvoll sind und welche nicht. Darüber hinaus haben wir eigene Instrumente für das Verhalten unserer Mitarbeiter – beispielsweise einen Verhaltenskodex – im Sinne der Corporate Governance eingeführt. Das halten wir für grundlegend erforderlich.

GoingPublic: Wie gehen Sie mit den jüngsten Änderungen im Corporate Governance Kodex insbesondere hinsichtlich der Vergütung der Aufsichtsräte und der verlangten Offenlegung von Interessenkonflikten um?
Kleeberg:
Seit jeher zahlen wir dem Aufsichtsrat eine fixe Vergütung für seine Kontroll- und Beratungsfunktion. Grund dafür ist unsere Überzeugung, dass Aufsichtsräte nicht über leistungsbezogene Komponenten motiviert werden müssen. Damit werden wir dem aktuellen Kodex seit Langem gerecht. In Bezug auf die Offenlegung von Interessenkonflikten sind wir ebenfalls im Einklang mit dem aktuellen Kodex, weil sich unser Aufsichtsrat eine Geschäftsordnung gegeben hat, die diese Regelung voll berücksichtigt.

GoingPublic: Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?
Kleeberg:
Aus Sicht eines kleineren börsennotierten Unternehmens ist es nicht immer ganz einfach, den Corporate Governance Kodex in Gänze umzusetzen. Wir kommen mit den Regeln klar, müssen aber an einigen Stellen abweichen, wie auch viele andere kleine und mittlere börsennotierte Unternehmen.

GoingPublic: Herr Dr. Kleeberg, haben Sie vielen Dank für die Erläuterungen.