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Interview mit Mag. Birgit Kuras, Mitglied des Vorstands, Wiener Börse AG

In Österreich trifft eine gesunde Unternehmenslandschaft auf einen Kapitalmarkt, der sich in Politik und Gesellschaft nur einer geringen Lobby erfreut. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin geht Birgit Kuras, Vorstand der Wiener Börse, auf die aktuellen Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten ein.

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Mag. Birgit Kuras

GoingPublic: Frau Kuras, wie können Sie als Wiener Börse dazu beitragen, dass es wieder mehr IPOs in Österreich gibt?

Kuras: Zunächst muss man feststellen, dass die österreichischen Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie sind gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Zudem wissen wir aus unseren Gesprächen, dass viele Unternehmen durchaus an einem Börsegang interessiert sind. Es findet ein sehr persönlicher regelmäßiger Dialog mit potenziellen Börsekandidaten statt. Wir besuchen diese Unternehmen, um sie zu informieren. Wichtig ist, dass das in einer frühen Phase geschieht. Es tauchen ja laufend Fragen zum Börsegang auf. Zusätzlich haben wir ein Serviceangebot mit regelmäßigen Workshops, auf denen sich Analysten, Investoren, Anwälte und andere Börsenexperten präsentieren. Die Resonanz ist positiv: Im Frühjahr haben 22 Unternehmen teilgenommen, vergangenen Herbst sogar 29. Auch das Vertrauen ist wieder gestiegen: Wenn man sich den Volatilitätsindex anschaut, signalisiert er zurzeit eine relativ geringe Volatilität. Es kann sich also sehr schnell wieder ein Zeitfenster öffnen.

GoingPublic: Wo geht der Trend bei Kapitalerhöhungen hin?

Kuras: Kapitalerhöhungen entwickeln sich sehr erfreulich. Kürzlich hat die Erste Group erfolgreich eine Kapitalerhöhung platziert. Die aktuelle Transaktion der Uniqa kann sogar als Re-IPO bezeichnet werden: Der Free Float war vorher sehr gering und bei der Kapitalerhöhung zieht ein Teil der Eigentümer nicht mit. AT&S hat ebenfalls eine Kapitalerhöhung angekündigt. Insgesamt gibt es heuer bereits sieben Kapitalerhöhungen an der Wiener Börse.

GoingPublic: Wie beurteilen Sie die Bedeutung des Kapitalmarkts in Österreichs Gesellschaft und Politik?

Kuras: Die Politik unterstützt die Bedürfnisse des Kapitalmarktes kaum bis gar nicht. Es wäre aber notwendig – sowohl im Hinblick auf die Stimmung als auch auf konkrete Maßnahmen. Wir sprechen zwar ununterbrochen mit Politikern, doch wird uns sofort entgegnet, dass man mit Aktien Geld verlieren kann. Uns geht es aber um die Bedeutung des Kapitalmarktes: Ohne Eigenkapital sind Wachstum und Innovation nicht möglich. Und für Eigenkapital ist die Börse eine sehr gute Plattform: Ohne Börse wäre die Ostexpansion nicht möglich gewesen und sie hat z.B. dafür gesorgt, dass einst defizitäre Unternehmen wie Voestalpine heute Weltmarktführer in ihrer Branche sind. Es geht also darum, die Bedeutung des Kapitalmarktes zu erkennen: Da die Kreditvergabe u.a. durch Basel III immer restriktiver wird, kann man sich als Unternehmen nicht auf Fremdkapital verlassen. Daher versuchen wir in persönlichen Gesprächen zu vermitteln: Es geht nicht um Zockerei mit Aktien, sondern um einen Kapitalmarkt, der Innovation und Wachstum fördert.

GoingPublic: Wie ist die Resonanz in der Politik auf Ihre Initiativen?

Kuras: Es wird durchaus wahrgenommen, was wir kommunizieren, doch konkrete Maßnahmen hinken hinterher. Allerdings stoßen wir nicht ausschließlich auf taube Ohren. Wir bekommen durchaus auch positive Resonanz – teilweise aus politischen Richtungen, aus denen man das gar nicht vermuten würde. Es ist jedoch etwas anderes, ob man als Politiker nur Verständnis für die Interessen des Kapitalmarkts zeigt oder diese auch in der Öffentlichkeit vertritt. Gerade in Österreich gibt es ja viele kleine und mittelgroße Unternehmen an der Börse. Hier gilt es besonders darauf zu achten, dass diese Unternehmen betreut werden: Es muss etwa ein Market Making geben und sie sollten auf Roadshows vertreten sein. Große Unternehmen haben es da viel leichter. Die Politik legt immer Wert darauf, dass Österreich den Mittelstand stärken muss. Gerade hier muss es dann aber auch konkrete Förderungsmaßnahmen geben.

GoingPublic: Wo sehen Sie im Vergleich mit anderen europäischen Börseplätzen Ihre Vorteile? Ist die mangelnde politische Unterstützung in Österreich ein Nachteil?

Kuras: Ich weiß nicht, wie andere Börsen politisch unterstützt werden. Mein Eindruck ist jedoch, dass der Kapitalmarkt in anderen Ländern von der Politik nicht so stark an den Pranger gestellt wird. Man muss allerdings zugeben, dass es sich in letzter Zeit gebessert hat. Wir sind in einer Phase, in der die Einsicht wächst, dass der Kapitalmarkt wichtig ist.

GoingPublic: Es scheint, dass immer mehr Handelsvolumen von den klassischen Börsen weggeht. Wie schätzen Sie die Entwicklung alternativer Handelsplattformen ein?

Kuras: Es ist eine weltweite Entwicklung, die durch MiFID I ausgelöst wurde. Man wollte mehr Transparenz haben und es ist genau das Gegenteil eingetreten. Das sehen wir natürlich sehr kritisch: Man kann nicht die eine Seite übermäßig regulieren und auf der anderen Seite eine solche Intransparenz zulassen. Hier ist die EU-Politik gefragt, um eine andere Regulierung zu schaffen. Wir reagieren darauf, indem wir neue Handelsmitglieder und neue Investoren zu gewinnen versuchen. Wir sind hier für eine Börse überproportional aktiv. So wollen wir dafür sorgen, dass die Börse wieder eine „Blutinfusion“ bekommt. Das ist uns zuletzt auch gelungen: Vor allem in den Sommermonaten Juli und August sind die Handelsumsätze um je 35% im Vergleich zur Vorjahresperiode gestiegen. Als kleiner Markt müssen wir aber weiterhin viel unternehmen. Wir können uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen.

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