Dr. Michael Drill, CEO, Lincoln International

Was man derzeit vom M&A-Markt halten soll, darüber scheiden sich die Geister. Das GoingPublic Magazin sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden der internationalen M&A-Beratung über Sein & Nicht(s)sein, Cross-Border-Transaktionen und die Diversität verschiedentlichster Hausherren wie Amerikaner oder Chinesen.

GoingPublic: Herr Dr. Drill, was halten Sie für die nennenswerten M&A-Trends des Jahres 2013?
Drill
: Es fällt auf, dass trotz guter Finanzmärkte die Stimmung im M&A-Sektor nicht gerade euphorisch ist. Solide zwar, aber nicht überschwänglich. Damit meine ich die Käuferseite: Mondpreise werden derzeit nicht gezahlt, die Käufer üben sich in zurückhaltender Disziplin – man weiß ja nicht, welche gesamtwirtschaftlichen Unwägbarkeiten kurz- bis mittelfristig noch auf den Plan treten.

GoingPublic: Und die Verkäufer?
Drill
: Die haben aktuell ein wenig mit ihrer Außendarstellung zu kämpfen. Das deutsche BIP war zuletzt sogar leicht negativ. Fast alle Mittelständler hatten aber Umsatzsteigerungen von 3, 4 oder 5% in ihren Planzahlen stehen – entsprechend verfehlen die meisten ihre Planungen. Das wirkt auf potentielle Interessenten nicht gerade verkaufsunterstützend.

GoingPublic: Wie ist es um Cross-Border-Transaktionen bestellt? – man erinnert sich sehr gut an den Aufkauf der deutschen Pumpenhersteller wie Putzmeister durch chinesische Käufer.
Drill: Das ist ein klarer Trend: Ein Teil des soliden deutschen Mittelstands wird in Richtung China verkauft. Das muss aber kein Problem darstellen: Die Chinesen werden als gutmütige Käufer wahrgenommen.

GoingPublic: Was heißt das?
Drill
: Zum einen zahlen sie bei Transaktionen eine gewisse Prämie. Das macht Sinn, wenn sie schnell Synergien heben können, indem sie ihren heimischen Markt mit über 1 Mrd. Menschen adressieren – mit deutscher Spitzentechnologie. Der chinesische Staat nickt jeweils ab, ob ein strategischer Kauf für die Volkswirtschaft wertschaffend scheint oder nicht.

GoingPublic: Prämie hin oder her: Wie steht es mit den neuen Hausherren als Arbeitgeber?
Drill
: Da die Chinesen in der Regel weder die deutsche Sprache beherrschen noch sich sonderlich gut im Markt auskennen, bleibt normalerweise das bisherige Management im Amt. Nur die Eigentümer wechseln. Gleichzeitig öffnet sich für das übernommene deutsche Unternehmen ein riesiger Exportmarkt.

GoingPublic: Gilt das denn nur für China?
Drill
: Wenn Amerikaner als Käufer auftreten, wird tendenziell deutlich mehr mit dem spitzen Bleistift gerechnet: Da spielen dann primär die nackten Zahlen eine Rolle: Entweder rechnet es sich oder nicht. Amerikaner bringen weder einen potentiellen Milliardenmarkt mit noch sind sie bereit, einen Großteil der erhofften Synergien in Form einer strategischen Prämie an die Verkäufer zu zahlen – und das deutsche Management gerät deutlich stärker auf den Prüfstand und wird dann tendenziell relativ schnell ersetzt, wenn die Integration ins Stocken gerät oder die Zahlen nicht stimmen.

GoingPublic: Erinnert irgendwie an… Opel?
Drill:
Durchaus. Die Russen, mittels Magna, durften ja nicht; die Amerikaner, mittels GM, können nicht. Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass der Automobilmarkt auch ganz ohne Opel auskäme, sollten es die Rüsselsheimer vielleicht mal mit einem chinesischen Eigentümer probieren.

GoingPublic: Herr Dr. Drill, vielen Dank für die interessanten Einblicke!

Das Interview führte Falko Bozicevic.