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Märkte sind Plätze, an denen sich Angebot und Nachfrage treffen. Auf dem Neuwagenmarkt kann so ein Markt z.B. ein Autohändler oder eine elektronische, internetbasierte Plattform sein. Wenn es nun aber nur Leute gibt, die Autos kaufen wollen, aber niemanden, der welche anbietet (wie vor der Wende in der DDR), wird es keinen Autohändler geben. Denn wovon sollte der leben?

Prof. Dr. Dirk Schiereck
Prof. Dr. Dirk Schiereck

Warum es in der DDR keinen gewerblichen Neuwagenhandel gegeben hat und es heute kein spezifisches Börsensegment für junge, technologiegetriebene Wachstumsunternehmen gibt, hat sehr ähnliche Ursachen. Es fehlt eine Marktseite. In Deutschland mangelt es nicht so sehr an guten Geschäftsideen, es gibt auch professionelle Finanzinvestoren und mehr und mehr Corporate Venture Capital, über das neue Trends beispielsweise im Digital Banking mit vielen FinTechs vorangetrieben werden, aber es gibt keine durch Privatanleger begründete Investorenschaft, die bereit ist, sich an Kapital und Risiko von technologiegetriebenen Börsenkandidaten zu beteiligen. Uto Baader hat eine solch ungleichgewichtige Kapitalmarktsituation mit dem Satz beschrieben: Die Pferde saufen nicht! Und wenn die Pferde nicht saufen wollen, braucht man auch keine Brunnen.

Wenn die Bundesregierung einen Brunnen für Börsengänge haben will, sollte sie dafür sorgen, dass auch Wasser in den Brunnen kommt. Hier wirkt die Politik aber seit Jahrzehnten kontraproduktiv. Wenn Signale gesetzt werden, nach denen wir es uns leisten können, immer früher in Rente zu gehen, wenn zur Finanzierung einer überbordenden Staatsverschuldung, die durch die konsequente Unterschlagung der Barwerte zukünftiger Pensions- und Rentenverpflichtungen marginalisiert wird, der Eindruck entsteht, gegenwärtige Sparergenerationen könnten von ihren Renten irgendwie halbwegs gut leben, dann gibt es für politikhörige Privatanleger auch wenige Gründe, sich mit durchaus sehr riskanten Geldanlagen intensiver auseinanderzusetzen. Dann entsteht hierzulande keine Aktienkultur, aber immerhin auch keine Brunnenruinen. Eine neue Börsenplattform, die nicht anlegerseitig nachgefragt wird, würde nur dem Ansehen des deutschen Finanzplatzes weiteren Schaden zuführen. Und Politik soll doch schließlich Schaden abhalten und nicht darauf drängen, dass welcher entsteht.

Für die kapitalsuchenden Unternehmen muss der Mangel an einer deutschen Handelsplattform übrigens kein Nachteil sein. Wer sich in einer internetbasierten Welt mit seinen Geschäftsideen dauerhaft etablieren möchte, darf eh keinen Fokus nur auf den deutschen Markt legen, sondern muss sich über die Landesgrenzen hinaus behaupten lernen. Wenn bereits beim Start eines Unternehmens klar wird, dass in einem nicht so fernen Expansionsschritt eine Kapitalaufnahme im internationalen Wettbewerb notwendig wird, hilft das vielleicht sogar, gesamthaft von Beginn an international zu denken und zu handeln. Dann gibt es vielleicht weniger Start-ups, aber die, die entstehen und durch die harte Schule des globalen Wettbewerbs laufen, haben anschließend wohl auch beste Chancen, sich international nachhaltig zu etablieren. Und wenn davon dann vor allem amerikanische Privatanleger an der Nasdaq profitieren, hat Aktienkultur zumindest jenseits des Atlantiks Wohlfahrt geschaffen.

Zur Person

Prof. Dr. Dirk Schiereck ist seit 2008 Leiter des Fachgebiets Unternehmensfinanzierung an der Technischen Universität Darmstadt, wo er auch als Akademischer Direktor das TAG Immobilien Center für Real Estate Asset Management führt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Empirical Corporate Finance, Digital Banking und der Ausgestaltung von Finanzintermediären.

Über den Autor

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