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Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt Dr. Stephan Hutter, was den österreichischen Kapitalmarkt auszeichnet, welche Unterschiede es zu Deutschland gibt und warum der Wiener Handelsplatz von Osteuropa profitieren kann. 

GoingPublic: Herr Dr. Hutter, Österreich gilt als attraktiver Standort für viele Unternehmen. Welche Rolle übernehmen Sie bei der Etablierung ausländischer Unternehmen in Österreich?
Hutter:  In erster Linie sind wird auf Kapitalmarktfinanzierungen spezialisiert, d.h. wir beraten österreichische Unternehmen bei Börsengängen, aber auch bereits börsennotierte Unternehmen bei laufenden Finanzierungen, sowohl im Bereich Anleihen als auch Kapitalerhöhungen. Unser zweiter Hauptschwerpunkt liegt im M&A-Bereich, d.h. wir stehen österreichischen Unternehmen zur Seite, die andere Unternehmen erwerben oder verkaufen wollen. Dabei beraten wir auch österreichische Unternehmen bei Unternehmensakquisitionen und Finanzierungen im Ausland, insbesondere in den USA und Asien.

GoingPublic: Was zeichnet denn den österreichischen Kapitalmarkt aus, gibt es nennenswerte Unterschiede zu Deutschland?
Hutter: Der österreichische Markt ist deutlich kleiner als der deutsche Kapitalmarkt. Dies hat den Vorteil, dass es im Allgemeinen unbürokratischer zugeht und viele Prozesse dadurch schneller verlaufen, was bei der Strukturierung bestimmter Transaktionen eine gewisse zusätzliche Flexibilität mit sich bringt. Gerade angesichts der erhöhten Volatilität des Kapitalmarkts in den letzten Jahren ist es wichtig, Unternehmen so schnell wie möglich in den Markt zu bringen. Das funktioniert in Österreich immer noch etwas leichter. Zudem ist das Verhältnis zur Wiener Börse und zu den österreichischen Aufsichtsbehörden auch – bedingt durch den kleineren Markt – persönlicher als in Deutschland. In dieser Hinsicht bietet der österreichische Markt einen gewissen Wettbewerbsvorteil zu größeren Märkten wie Deutschland. Die Kehrseite der Medaille ist, dass dem österreichischen Kapitalmarkt die höhere Liquidität und Visibilität des deutlich größeren deutschen Kapitalmarkts fehlt.

Dr. Stephan Hutter, Partner bei Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP,  ist seit Mai  Honorarkonsul der Republik Österreich für Rheinland Pfalz und Hessen
Dr. Stephan Hutter, Partner bei Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, ist seit Mai Honorarkonsul der Republik Österreich für Rheinland Pfalz und Hessen

GoingPublic: In Sachen IPOs gibt es in Österreich nach wie vor große Zurückhaltung. Was sind die Gründe hierfür?
Hutter: An sich gibt es in Österreich wie gesagt durchaus gute wirtschaftliche und verfahrenstechnische Rahmenbedingungen. Es gibt aber strukturelle Probleme: Österreich ist ein kleiner Markt mit verhältnismäßig niedrigen Umsätzen an der Wiener Börse – zumindest aus Sicht der institutionellen ausländischen Anleger, die die Liquidität großer Märkte wie London, New York oder auch Frankfurt gewohnt sind. Ein österreichisches Aktionariat alleine reicht aber für einen Börsengang nicht aus, da für eine erfolgreiche Transaktion in der Regel mehr als 50% der Nachfrage von institutionellen, ausländischen Anlegern stammen sollte. Und diese legen eben ihr Hauptaugenmerk auf liquidere Märkte.

GoingPublic: Wie beurteilen Sie die Kapitalmärkte in Zentral- und Osteuropa evtl. auch hinsichtlich einer stärkeren Zusammenarbeit der Börsenplätze? Die Warschauer Börse ist in Sachen IPOs in letzter Zeit sehr aktiv und Österreich gilt eigentlich als Drehscheibe für Osteuropa…
Hutter: Eine noch engere strategische Verbindung zwischen dem österreichischen Kapitalmarkt und den osteuropäischen Märkten halte ich prinzipiell für sinnvoll, um die ansonsten verteilte Liquidität weiter zu bündeln. Dies verbunden mit den genannten pragmatischen Vorteilen eines kleinen Marktes, wie z.B. kurze Dienstwege, mehr Flexibilität etc., könnte einen so erweiterten österreichischen Kapitalmarkt durchaus attraktiver machen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre hat leider insbesondere auch in den osteuropäischen Kapitalmärkten ihre Spuren hinterlassen, wenn diese Märkte künftig aber wieder anziehen hätte dies sicherlich auch einen positiven Effekt auf die Wiener Börse. Die Tatsache, dass bei großen Kapitalmarkttransaktionen bereits heute ein nicht unbedeutender Teil des Emissionsvolumens von österreichischen Banken in Osteuropa platziert wird zeigt, dass es hier – insbesondere in Ländern wie Ungarn und Tschechien, aber auch Polen – noch zusätzliche Synergiepotentiale gibt.

GoingPublic: Ein anderes interessantes Investitionsfeld bieten Mittelstandsanleihen an den deutschen Börsen, auch für ausländische Unternehmen. Wäre eine derartige Option auch für österreichische Unternehmen attraktiv? Immerhin gibt es mit z.B. Porr und Eyemaxx erfolgreiche Pioniere.
Hutter: In Österreich gibt es solche Mittelstandanleihen nicht in dem Ausmaß wie in Deutschland – hier nutzt man vielmehr immer noch häufig die vereinfachte Finanzierung über Schuldscheindarlehen. Ich persönlich stehe dem Segment der Mittelstandsanleihen eher kritisch gegenüber, da solche Anleihen in der Regel eine sehr schlanke Dokumentation aufweisen bei einem gleichzeitig recht hohen Risiko, was ich besondere für Privatinvestoren für nicht ungefährlich halte. Und sobald in diesem Segment ein paar Dinge so richtig schief laufen, wird zudem der ganze Kapitalmarkt in Misskredit gebracht. In anderen Worten, ein Segment für Mittelstandsanleihen ist meines Erachtens kein probates Mittel, um den österreichischen Kapitalmarkt zu stärken. Da würde ich eher dafür plädieren, auch in Österreich jungen Wachstums- und Technologieunternehmen eine liquidere Private Equity Plattform zu bieten.

GoingPublic: Ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen, österreichischen Börsengang war der des Flugzeugzulieferers FACC Anfang des Jahres, der auch von Ihnen begleitet wurde. Was zeichnet dieses Unternehmen aus?
Hutter: Mit FACC kam kurz vor dem Sommer einer der weltweit führenden Zulieferer von Karbonfaserverbundwerkstoffen für die Flugzeugindustrie an die Wiener Börse – ein schnell wachsendes Technologieunternehmen mit einem sehr hohen Investitionsbedarf.  Es handelte sich bei diesem IPO um den ersten Börsengang eines europäischen Unternehmens, das zuvor einen 100% igen chinesischen Aktionär hatte. Dass diese Transaktion nicht in Hong Kong, London oder Frankfurt stattfand ist durchaus ein Beweis der Aufnahmefähigkeit des österreichischen Kapitalmarkts. Für ein Unternehmen dieser Größenordnung war Wien außerdem wahrscheinlich der bessere Börseplatz, denn in Deutschland wäre die Gesellschaft mit einer Bewertung von unter 500 Mio. EUR weit weniger visibel gewesen. FACC ist also ein gutes Beispiel dafür, dass in Österreich auch kleine bis mittelgroße Unternehmen – mit einem Produktionsschwerpunkt in Österreich – auch in einem schwierigen Kapitalmarktumfeld ein Börsendebüt schaffen können.

GoingPublic: Glauben Sie, dass es künftig mehr IPOs ausländischer, insbesondere deutscher Unternehmen in Österreich geben könnte?
Hutter: Da bin ich ehrlich gesagt eher skeptisch. Grundsätzlich gilt nämlich eine ungeschriebene Regel: Ein Unternehmen sollte dort an die Börse gehen, wo es seine operativen Wurzeln und den Schwerpunkt seiner Geschäftstätigkeit hat. Es sei denn, es gibt im Herkunftsland keinen vernünftigen Kapitalmarkt, wie in einigen Ländern Osteuropas oder Lateinamerikas. Die meisten Unternehmen, die einen Börsengang im Ausland versucht haben – fast immer aus Gründen einer vermeintlich besseren Bewertung – sind mittelfristig gescheitert, oder in einem zweiten Schritt dann doch an den Heimatmarkt zurückgekehrt. Deshalb glaube ich auch nicht, dass deutsche Unternehmen künftig in Österreich vermehrt an die Börse gehen werden, oder umgekehrt. Osteuropäische Unternehmen kommen da schon eher in Frage, weil es dort wie gesagt weniger liquide Handelsplätze gibt. Aber ansonsten werden Börsengänge fern ab der Heimat wohl eher Wunschdenken bleiben.

GoingPublic: Herr Dr. Hutter, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Svenja Liebig

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