Keine Woche vergeht, ohne dass Firmen ihren Rückzug vom regulierten Markt bekanntgeben. Künftig wollen sie nur noch im Freiverkehr gelistet sein, um sich von verschiedenen Kapitalmarktveröffentlichungspflichten zu befreien. Interessanterweise flüchten nicht nur Mini Caps, sondern durchaus auch Firmen, die sich diese Pflichten eigentlich sehr wohl leisten könnten.

Weit mehr als 100 Firmen sind nunmehr diesen Weg gegangen, beflügelt durch die höchste Rechtssprechung. Man muss festhalten: Der Regulierungszenit ist überschritten. Ein Mehr an Regulierung wird von vielen Firmen nicht als förderlich für die Allgemeinheit – sprich: Anlegerschutz – empfunden, sondern als lästiges Übel beurteilt, das keinen zusätzlichen Nutzen bringt.

Dr. Andreas Beyer
Dr. Andreas Beyer

Der Rückzug aus dem Regulierten Markt ist besorgniserregend, denn wie geht es nun mit der Notierung im Freiverkehr weiter? Dem Gesetzgeber ist schon die nächste Regulierung von der EU aufgetragen worden: Ad-hoc-Regeln, Directors’ Dealings, Insiderlisten etc. sollen innerhalb von zwei Jahren auch für Freiverkehrswerte gelten. Und was kommt dann? Dem Downgrading folgt das Delisting. Und das so wohlhabende Deutschland hat nur noch ein paar börsennotierte Giganten, aber keine Small-Cap-Aktienkultur mehr. Die Unsicherheit bei Aktionären ist also berechtigterweise recht hoch.

Es ist schon bezeichnend, dass Rocket Internet angesichts eines geplanten Emissionserlöses von 750 Mio. EUR „nur“ ein Entry-Standard-IPO plant. Wenn schon eine Firma mit einem Firmenwert von etlichen Milliarden nicht mehr am Regulierten Markt notiert sein will, wer denn dann? Egal, Hauptsache, es gibt mal wieder ein ordentliches IPO mit deutschen Unternehmern, die noch halbwegs in der Liga Google, Facebook, Twitter & Co. mitspielen.

Haben wir Deutschen etwa die Lust verloren, uns an Firmen zu beteiligen? Wohl kaum. Siehe Crowdfinancing. Für Start-Ups ist es chic, sich mal schnell lässig ein paar hundert tausend Euro über das Internet zu besorgen – im Wege eines partiarischen Darlehens. Für den Anleger heißt das: Nahezu keine Chance auf Gewinn, Risiko einer Aktie und kein Stimmrecht. Und einen Handel der Anteile gibt es in der Regel ja nicht. Trotzdem, das Thema fliegt. Und wenn ein Anleger nicht den Verlust von ein paar hundert Euro verkraften kann, hat er auf diesen Plattformen nichts verloren.

Bislang funktioniert dies ganz ordentlich auch ohne große Regulierung. Wäre schön, wenn zumindest das so bleiben würde. Denn eines können sich Start-Ups bestimmt nicht leisten: zu viel Regulierung.

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