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Die überraschende Ankündigung der Deutschen Börse auf dem Eigenkapitalforum den „Entry Standard“ durch ein Mittelstandssegment neu zu orientieren und zu ersetzen, ist ein notwendiger und längst überfälliger Schritt, um sich um das Problem des schwächelnden, deutschen IPO Marktes zu kümmern.

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen
Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Auch wenn das neue Segment auf den ersten Blick inhaltlich mit Ausnahme des von der Deutschen Börse in Auftrag gegebenen Analystenresearchs und des Direktplatzierungstools „Direct Place“ nur wenige Neuerungen zum bestehenden Entry Standard aufweist, so zeigt das bisherige überwiegend positive mediale Echo, dass der Kapitalmarkt diesen Vorstoß erwartete. Die Zielgruppe für dieses Segment sind vor allem mittelständisch geführte Unternehmen und damit auch Familienunternehmen, die aufgrund der hohen Aufwendungen für die Umstellung und das regelmäßige Reporting nach internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) ihre Abschlüsse weiterhin nach HGB ausstellen und sich in einer börsennotierten AG nicht mit den Vorschriften der Entsprechenserklärung beschäftigen wollen. Laut Pressemitteilung der Deutschen Börse werden auch Unternehmen angesprochen, „die sich bei Investoren bereits bewährt haben“[1]. Wenn die entsprechenden Einbeziehungsunterlagen nicht zu aufwendig sind, wird man auch wieder mehr Listings sehen.

Das neue Segment soll am 1. März 2017 starten, also fast tagesgenau zum Gründungstag des Neuen Marktes vor 20 Jahren am 10. März 1997. Im Unterschied zum Neuen Markt ist das neue KMU-Segment aber kein klassisches Wachstumssegment, da nur Emittenten mit einem Mindestumsatz, einer Mindestkapitalausstattung und einer positiven Ertragshistorie den Zugang erhalten. Damit fallen allerdings interessante Emittenten aus der kapitalintensiven Biotechnologie aus dem Raster, die durch das Geschäftsmodell bedingt, in den ersten Jahren rote Zahlen ausweisen und deutlich weniger als die geforderten 10 Mio. EUR Mindestumsatz generieren. Manch potentieller IPO-Kandidat, der sich auf der im Jahr 2015 gegründeten Deutsche Börse Venture Network Plattform tummelt, wird sich schwer tun, in diesem Segment einen Börsengang zu starten: Zwar werden viele der Gesellschaften die drei der fünf quantitativen Mindestaufnahmekriterien erfüllen, jedoch strahlt das Image des KMU-Segments nicht deren „Corporate Identity“ aus. Daher wäre es angebracht, für diese VC finanzierten Wachstumsunternehmen einen passenden „Hightech-Wachstums-Hafen“ für den ersten Schritt an den öffentlichen Kapitalmarkt anzubieten, das dem Chancen-/Risikoprofil sowie der Besonderheit der Zielgruppe in der Außendarstellung Rechnung trägt – sonst bleibt nur der Prime Standard.

Geben wir dem neuen Segment eine Chance sich am Markt zu bewähren. Die Gefahr, dass damit erneut eine „Tech-Bubble“ entsteht, ist gering. Die europaweite „Tech-Bubble“ im Jahr 2000 kam weniger von den damaligen Internetemittenten sondern vielmehr von den „old school“ Telekommunikationsunternehmen. Daher überrascht es auch nicht, dass allein die Deutsche Telekom (IPO 1996!) im Zeitabschnitt ihres Bewertungshöhepunkt im März 2000 und ihrer danach einsetzenden Kurskonsolidierung bis Februar 2002 gewaltige 245 Mrd. EUR an Marktbewertung verlor. Die über 300 notierten „Neue Markt“ Emittenten schafften es, im gleichen Zeitraum einen Börsenwert von „nur“ 177 Mrd. € zu vernichten. Vielleicht lernt auch die Presse bei ihrer Berichterstattung über das Segment endlich einmal diese zwei Phänomene nicht permanent zu vermischen, verwechseln und falsch zu interpretieren. Der TecDax als Nachfolger des NEMAX hat sich seit seiner Auflegung im März 2003 immerhin um 439% verbessert und bewegt sich wie die amerikanischen Tech-Börsen auf einem „all-time High“. Mit Eigenkapital kann man eben gewinnen und verlieren.

[1] Pressemitteilung vom 21. November 2016 der Deutschen Börse AG

Die Kolumne erschien zuerst im GoingPublic-Magazin 1-2017.

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