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2020 wird in die Geschichte als ein Jahr eingehen, in dem ein Virus die Welt fest im Griff hatte. Noch nie wurden Leben und Arbeiten durch staatliche Eingriffe in einem solchen Ausmaß gebremst. Branchen, die bisher über hohe Wachstumsraten verfügten, stecken im Krisenmodus fest, andere profitieren sogar von der Pandemie. Wie reagierte die Börse?

Im März erfolgte der Schock mit kurzfristigen Kursverlusten von bis zu 40% im DAX. Die zweite Welle löst an den Börsen keine Schockwellen mehr aus, aber die Volatilität bleibt in Einzeltiteln hoch; die Ausschläge je nach positiven oder negativen Nachrichten sind intensiv. Diese führen aber nicht zu einer Abkehr von der Börse, sondern im Gegenteil zu deutlich gestiegenen Handelsvolumina. Während 2020 also einen ausgesprochen aktiven Sekundärmarkt mit einer relativ raschen Erholung der Märkte zeigte, benötigten die internationalen Primärmärkte etwas länger, um auf Vorkrisenniveau einzuschwenken. Auf eine ziemliche Flaute im ersten Halbjahr folgte vor allem in den USA und China im dritten Quartal ein wahrer Boom, befördert durch die hohen Aktienbewertungen, niedrige Zinsen und hohe Liquidität. Anders in Deutschland: Hier fällt das Urteil über die Zahl und das Emissionsvolumen der Börsengänge ernüchternd aus. Das große Interesse an der Börse hat hierzulande bislang nicht dazu geführt, den Unternehmen den Weg aufs Parkett zu ebnen.

Wenige Börsengänge 2020 in Deutschland…

An der Deutschen Börse wurden 2020 bisher acht Neuzugänge vollzogen. Einschließlich des Spin-offs von Siemens Energy waren dies Brockhaus Capital Management (Prime Standard per Private Placement), Compleo, Hensoldt, KnausTabbert und Pharma SGP per IPO in den Prime Standard sowie Exasol und fashionette in Scale. Das gesamte Emissionsvolumen belief sich auf weniger als 2 Mrd. EUR. Damit war 2020 jedenfalls bislang das schlechteste Jahr für IPOs seit der Finanzkrise! Immerhin wird für 2021 mit einigen IPOs auch hierzulande gerechnet, vor allem, weil noch einige in der Warteschleife stecken. Es kann also nur besser werden.

… und ein IPO-Boom in der Welt

Mit dem aufgrund von Regularien verschobenen IPO der chinesischen Ant Financial wäre 2020 wohl international ein Rekordjahr geworden – und das, obwohl das erste Halbjahr aufgrund der Pandemie ausgesprochen schwach war. Dafür verlief das dritte Quartal umso besser. Insgesamt wurden in den ersten neun Monaten 868 Börsengänge mit einem Gesamtvolumen von 165,3 Mrd. EUR vollzogen – nach 115,6 Mrd. EUR im Vergleichszeitraum des Vorjahres, so die Unternehmensberatung EY. Haupttreiber waren einmal mehr China und die USA und hier insbesondere Technologie- und Healthcare-Werte.

Mittelstand und Börse

Das auf den Mittelstand fokussierte Börsensegment m:access der Börse München erfreut sich einer kontinuierlichen Zunahme neuer Emittenten, auch wenn das Wachstum im Ausnahmejahr 2020 gebremst war. Drei neue Unternehmen konnten durch Direktplatzierung gelistet werden – mit Erfolg. Die Wertentwicklung bewegt sich bei allen drei Titeln deutlich im zweistelligen Prozentbereich. Im „normalen“ Jahr 2019 waren per IPO, Direct Listing, Private Placement und durch einen Segmentwechsel neun Emittenten hinzugekommen.

Rückenwind fehlt

Nun kann man über die fehlenden Börsengänge in Deutschland lamentieren und nach Gründen für die Abstinenz suchen. Allein an den Regularien kann es nicht liegen, denn die gibt es in anderen Ländern auch – und das Regelwerk von m:access ist beispielsweise ausgesprochen schmal. An Unternehmen, die sich Börse zutrauen, fehlt es auch nicht – das beweisen Gesellschaften wie CureVac oder VIA optronics in diesem und der Hoffnungsbringer BioNTech im letzten Jahr, die in den USA an die NYSE beziehungsweise die NASDAQ gegangen waren. Denn in den USA herrscht ein positives Kapitalmarktumfeld: Hier haben Investoren tiefe Taschen und ein anderes Verständnis von Chancen und Risiken. Dies führt zu einer höheren Bewertung der Unternehmen. Nicht zuletzt finden hier Gesellschaften ihre Peergroup als Benchmark und Ansporn.

Was in Deutschland immer noch fehlt, ist eine vergleichbare Aktienkultur und die Bereitschaft, auch Risiken einzugehen, die gerade in den Zukunftsbranchen Biotech, Life Sciences und digitale Technologie hoch sein können. Dies wird sich auch nicht von einem auf den anderen Tag ändern, sondern braucht Zeit – aber vielleicht setzt auch hier die Pandemie einen Beschleunigungsprozess in Gang. Denn Kapital, das geeignete Investments sucht, ist ausreichend vorhanden und der Bedarf der Unternehmen, sich mit Eigenkapital zu finanzieren, ist groß, da die Banken sich höheren Risiken in ihren Kreditgeschäften ausgesetzt sehen und alternative Anlagen kaum Renditen bringen – es schlägt die Stunde des Kapitalmarkts, man muss den Ton nur hören. Die Politik kann einen Beitrag zu einem besseren Investitionsklima leisten, indem sie die Aktienanlage fördert – und nicht durch Steuerankündigungen verunsichert –, institutionellen Investoren einen größeren Spielraum bei der Aktienanlage einräumt und die private Altersvorsorge über Wertpapiere forciert. Noch immer wird in Europa nur etwa ein Drittel der finanziellen Mittel der Unternehmen über den Kapitalmarkt finanziert und zwei Drittel über Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, während es in den USA genau umgekehrt ist: 73% fließen aus den Kapitalmärkten und nur 27% über Bankenfinanzierung zu. Auf Sicht muss sich Europa hier an die USA annähern, um langfristig international wettbewerbsfähig zu bleiben – nicht nur bei den Produkten, sondern auch bei den Investoren.

Potenzial wäre ausreichend vorhanden

Allein im Mittelstand zählt Deutschland schätzungsweise etwa 1.250 kapitalmarktfähige Unternehmen, die an die Börse gehen könnten, weil sie über die organisatorischen Voraussetzungen und das notwendige Wachstumspotenzial verfügen: Potenzial für Investoren und Potenzial für verstärktes Wachstum. Derzeit sind in Deutschland rund 750 heimische Unternehmen börsennotiert, und es werden eher weniger als mehr.

Wir verfügen in Deutschland also über ausreichend börsenfähige Unternehmen, über eine ausgezeichnete Expertise in vielen Branchen und über fähige Unternehmer, gerade auch im Mittelstand. Wir verfügen über erfahrene Emissionsbegleiter aus der Finanzbranche und über Börsen, die die Türe aufs Parkett weit offenhalten. Viele Börsengänge des Jahres 2020 wurden verschoben und nicht aufgehoben, weitere stehen in den Startlöchern. Internationales Kapital sucht nach interessanten Anlagen. So bleibt zu hoffen, dass auf das „Jahr der Gegensätze 2020“ das „Jahr des Kapitalmarktes 2021“ folgt – und so in die Geschichtsbücher eingeht. Die Börse München ist hierfür bestens vorbereitet.

Über den Autor

Dr. Marc Feiler

Dr. Marc Feiler ist Geschäftsführer der Börse München. Nach fünfjähriger Tätigkeit in einer internationalen Wirtschaftskanzlei kam er 2004 zur Börse und hat dort das Mittelstandssegment m:access mit aufgebaut.