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Wirkmechanismus der ADC-Technologie (Antibody-Drug-Conjugates) von Seattle Genetics. Quelle/Rechte: Seattle Genetics

Ende August 2013 hat Onyx Pharmaceuticals der Übernahme durch den weltgrößten Biotechnologie-Konzern Amgen zugestimmt. Mehr als 10 Mrd. USD und damit 50% mehr als den tatsächlichen Wert in Aktien hat sich Amgen den Krebsspezialisten kosten lassen. Ein Beweis für die Wichtigkeit neuer Waffen im Kampf gegen den Krebs.

Auch Seattle Genetics hat sich diesem Kampf verschworen und glaubt mit seiner ADC-Technologie (Antibody-Drug-Conjugates), die Stoffe von extremer Giftigkeit gezielt in Krebszellen schleust, eine besonders interessante Waffe gegen Krebs zu besitzen. Mit ein Grund, weshalb sich das Unternehmen auf der Liste potenzieller Übernahmekandidaten findet. Seit Jahren arbeiten Forscher auf der ganzen Welt an schonenden weil gezielt wirkenden Medikamenten gegen Krebs. Die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate von Seattle Genetics sind heiße Kandidaten für solche Medikamente. Durch die Kopplung eines Zellgiftes über ein Verbindungsmolekül, einen Linker, an einen Antikörper der an ein tumorassoziiertes Antigen bindet, finden die Zellgifte ähnlich einer ferngesteuerten Bombe direkt in ihr Ziel – die entartete Zelle. Gesunde Zellen bleiben auf diese Weise von der Toxizität verschont. Der Zulassungserfolg des ersten Wirkstoffes dieser Art – Adcetris – in 2011 hat Seattle Genetics hochkarätige Kooperationen mit der Pharma- und Biotechindustrie eingebracht. Ira Pastan vom National Cancer Institute in den USA glaubt ebenfalls an diesen Ansatz. In einem Interview im Technology Review sagt Pastan: „Der neue Ansatz wird große Auswirkungen auf künftige Krebsbehandlungen haben“. Neben Adcentris befinden sich weitere ADCs in kollaborativer Entwicklung. In einer Art Baukastensystem werden die verschiedenen tumorspezifischen Antiköper an ein passendes Gift gekoppelt und könnten sich so gegen viele Krebsarten einsetzen lassen.

Wie real ist die Akquisition
Die Entwicklungskosten von Medikamenten sind nach wie vor hoch. Gleichzeitig sind die Fehlschläge in der Wirkstoffentwicklung ein nicht zu unterschätzender Teil des Geschäfts. Seattle Genetics hat mit Adcetris lediglich ein vermarktetes Produkt in der Pipeline. Das Medikament, das zur Behandlung des Hodgkin Lymphoms und des anaplastischen Großzell-Lymphoms zugelassen ist, erzielte im ersten Halbjahr 2013 einen Umsatz von 70 Mio. USD Umsatz. Läßt sich das Konzept erfolgreich auf weitere Tumore übertragen, würde Seattle Genetics tatsächlich ein interessanter Übernahmekandidat. Doch bis dahin müssen noch eine Menge Hürden in Form von klinischen Studien genommen werden. Die Entwicklung von Adcetris, das bereits 70% des Gesamtmarktvolumens in der zugelassenen Indikation erzielt, spricht für die Technologie. Auch die Pharmaindustrie glaubt das Potenzial der neuen Technologie erkannt zu haben. Die Bayer AG, Roches Genentech, Takedas Millenium, AbbVie und auch Pharmagigant Pfizer haben lukrative Deals mit Seattle Genetics unterzeichnet. Sollten die Deals erfolgreich sein locken rund 3,5 Mrd. USD an Meilensteinzahlungen.

Große Pläne für Adcetris
Neben der Entwicklung neuer Antikörper-Konjugate hat Seattle Genetics große Pläne mit Adcetris. Durch Indikationserweiterung soll das Produkt zu einem Milliarden-Dollar-Medikament ausgebaut werden. Aktuell laufen verschiedene Studien die den Patientenpool vergrößern sollen. In einer Phase-II-Studie wird das Medikament als Erstlinientherapie beim Großzellen-Lymphom getestet. In einer Phase-III-Studie wird es als Ersatz von Bleomycin in einem Cocktail zur Behandlung des Lymphoms geprüft. Beim Hodgkin Lymphom möchte Seattle Genetics Adcetris als Erstlinien-Monotherapie etablieren. Entsprechende Tests laufen bereits. Haben die Studien Erfolg, hat Adcetris gute Chancen auf ein Blockbusterpotenzial.

Vielversprechende Pharma-Kooperationen
Allein mit Genentech hat Seattle Genetics neun verschiedene Krebsforschungsprogramme am Laufen. Ziele sind der Eierstockkrebs und das Prostatakarzinom, hierzu wurden auf dem diesjährigen ASCO Treffen erste positive Daten präsentiert. Bei Bestätigung dieser Daten locken bis zu 900 Mio. USD an Meilensteinzahlungen. AbbVie, ein Spin-off der Abbott Labs, hat im Rahmen zweier Studien 25 Mio. USD Vorauszahlung geleistet – pro Wirkstoff könnten weitere 220 Mio. USD fällig werden. Pharmagigant Pfizer hat in einem Deal von 2011 Meilensteinzahlungen von bis zu 200 Mio. USD in Aussicht gestellt. Auch die Bayer AG interessiert sich für die ADCs und hat im Juli eine Kooperationsvereinbarung mit einer Vorauszahlung von 20 Mio. USD unterzeichnet und Meilensteinen von bis zu 500 Mio. USD in Aussicht gestellt.

Zahlen und Aktienkurs
Trotz des Adcetris-Umsatzes von 70 Mio. USD im ersten Halbjahr 2013 fuhr Seattle Genetics im zweiten Quartal einen Verlust von 6,9 Mio. USD oder 6 Cents je Aktie ein. Auch wenn dies deutlich besser ist als die 17 Mio. Verlust der Vorjahresperiode, es bleibt ein Verlust. Dies sollten potenzielle Anleger nicht vergessen. Gerüchte, einer der vielen Kooperationspartner könnte für Seattle Genetics ähnlich viel Geld auf den Tisch legen, wie jüngst Amgen für den Partner Onyx, stehen und fallen mit dem weiteren Erfolg der verschiedenen ADCs. Zumindest den Marsch durch die klinischen Studien sollten weitere Kandidaten erfolgreich bewerkstelligen, bevor an Übernahme überhaupt zu denken ist. Die Aktie (SGEN) entwickelte sich dennoch überdurchschnittlich, am 13. September schloss das Papier bei einem neuen 52-Wochenhoch von 48,48 USD. Ein Plus von 130% verglichen mit dem Jahrestief von 21,05 USD. Sowohl der 200-Tagedurchschnitt (moving average, MA) wie auch der 50-Tagedurchschnitt haben in der letzten Woche weiter zugelegt. Das Kursziel der Analysten von 33,56 USD hat Seattle Genetics deutlich übertroffen. Ob das Papier weiterhin so gut performen wird oder ob erst einmal ein Rücksetzer droht, lässt sich aktuell nicht beurteilen. Interessierte sollten sich an der 50- und der 200-Tagelinie mit den jeweiligen Unterstützungen orientieren.

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