Was bleibt vom ersten Halbjahr 2013 in Erinnerung und welches Kriterium wird dafür angelegt? Die über 30 Emissionen sogenannter Mittelstandsanleihen, die IPOs von KION, Osram, Annington & Co, der DAX-Höchststand jenseits von 8.500 Punkten, oder… Ja, was eigentlich?

Mit LEG Immobilien (1. Februar, Platzierungsvolumen rund 1,2 Mrd. EUR) verlief der Jahresauftakt schon mal ganz viel versprechend. Ende April schließlich folgte der lange erwartete und bis dahin nie erreichte Börsengang des ewigen IPO-Kandidaten Evonik – mehr als eine reine Notierungsaufnahme ohne jedes Platzierungsvolumen trauten sich die Essener aber auch 2013 nicht zu. RTL Group bewerkstelligte derweil fast zeitgleich ein Re-IPO in Höhe von 1,4 Mrd. EUR, doch war der Titel ja zuvor schon notiert. Auch KION stand einige Jahre auf der Watchlist: pünktlich zum Halbjahresende dann die Vollzugsmeldung, 475 Mio. EUR sammelte der Hersteller von Flurförderzeugen ein. Zwei weitere Namen, die sich jahrelang in IPO-Vorschauen tummelten, folgten Anfang Juli: die Deutsche Annington (575 Mio. EUR) und Osram Licht (Notierungsaufnahme ohne Platzierungsvolumen). Summa summarum 2,2 Mrd. EUR im ersten Halbjahr und eine um vermeintliche Karteileichen bereinigte Watchlist – da kann man eigentlich nicht meckern.

Obwohl also die großen Namen schlussendlich erfolgreiche Debüts bewerkstelligten und obwohl die Kapitalmärkte praktisch durch die Bank weg neue Höchststände aufs Parkett zauberten, geschah dies alles beinahe unter kaum bewusster Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Kurz gesagt: Die Presse für (Aktien-)Börsengänge präsentiert sich in der öffentlichen Wahrnehmung so schlecht wie kaum jemals zuvor.

Familienunternehmen erhalten (Ab-)Schläge
Dabei fand eine neue PwC-Studie gerade heraus, dass deutsche Familienunternehmen bereit seien, bei einem potenziellen Börsengang ein größeres Underpricing hinzunehmen. Underpricing beschreibt die Differenz, die entsteht, wenn neu emittierte Aktien günstiger angeboten werden, als der Marktwert rechtfertigen würde. Der Unterschied zu den eingangs erwähnten Dickschiffen wie Talanx oder Evonik betrage im Durschnitt 10%. Underpricing müsste also einen Platzierungserfolg begünstigen, sollte man meinen – allein, es fehlen die willigen Familienunternehmer, Platzierungsaussichten hin oder her. Bei der im letzten Jahr debütierten Hess AG – einem Familienunternehmen wie aus dem „Lehrbuch“, wie es jedenfalls schien– flog ganze zwei Quartale später ein Bilanzbetrug unglaublichen Ausmaßes auf. Dies machte bei Investoren nicht unbedingt Geschmack auf mehr. Zumal sich sagen lässt, dass eine derartige Verschleierung der Vermögens- und Ertragsverhältnisse nur und ausschließlich bei einem patriarchisch geführten Unternehmen vorkommen kann. Mithin sind Familienunternehmen dafür prädestiniert. Man denke auch z.B. an Enron 2001, und man erkennt schnell, dass zu viel Macht in einer Person gebündelt überproportional viel Schaden anzurichten in der Lage ist. Insofern dürfte das Underpricing nach dem Hess-Debakel für Familienunternehmen künftig nicht gerade geringer ausfallen als bisher.

Über 30 Emissionen (IBOs) nach zwei Quartalen
Dies steht in völligem Kontrast zu über 30 Neuemissionen an den Mittelstandssegmenten für Anleihen. Damit stünde fast eine Verdopplung der Vorjahrestätigkeit für das Gesamtjahr 2013 im Bereich des Wahrscheinlichen – ob auch des „Wünschbaren“, ist eine andere Frage. Zugleich kommen die fünf Mittelstandssegmente von Frankfurt bis Hamburg nunmehr auf ziemlich exakt 100 notierte Titel – für die Details sei auf unsere Website bondguide.de unter „notierte Mittelstandsanleihen“ verwiesen, wo Sie sämtliche Anleihen nach allen Spalten frei sortierbar finden.

Trotz über 30 Emissionen (Aufstockungen mitgerechnet) betrug das platzierte Volumen jedoch nur rund 1 Mrd. EUR, die 600-Mio.-Anleihe der Deutschen Börse indes nicht mitgezählt. Der Median der Platzierungen sank auf nur noch ca. 20 Mio. EUR, und selbst diese Zahl ist noch leicht nach oben verfälscht, da hierbei noch einige Zielvolumina und nicht die letztlich platzierten Volumina zu Buche stehen. Dem standen Großemissionen wie Deutsche Börse II, Rickmers (175 Mio. EUR) oder DIC Asset II (70–100 Mio. EUR) gegenüber. Mit anderen Worten: Es wurde 2013 sowohl kleinteilig als auch großteilig, lediglich die Mitte dünnt aus. Vielleicht ein wenig symptomatisch für den deutschen Mittelstand.

Zuletzt kaum noch Vollplatzierungen
In der Tat verlief der Halbjahresausklang 2013 ein wenig holprig. Nicht nur, dass sich rund ein Dutzend Anleiheplatzierungen in Kalenderwoche 25 und 26 tummelten, auch traten sie gegen die eingangs beschriebenen Spätzykliker wie Deutsche Annington und KION an. Die unvermeidliche Folge waren bei Weitem nicht erreichte Zielvolumina, teilweise von epischer Größenordnung. Eine kleine Auswahl:

  • MBB Clean Energy 72 Mio. EUR (prospektiert: 300 Mio. EUR)
  • Karlie Group 6 Mio. EUR (30 Mio. EUR)
  • Metalcorp 9,3 Mio. EUR (30 Mio. EUR)
  • RENA II 13 Mio. EUR (40–50 Mio. EUR)
  • Deutsche Rohstoff 53 Mio. EUR (100 Mio. EUR)
  • Euroboden 3 Mio. EUR (15 Mio. EUR)
Ralf Meinerzag, Steubing AG

In der Summe also 156 Mio. EUR statt veranschlagter 520 Mio. EUR. Im Börsenmetier würde man das kapitale Flops nennen, die auch nicht dadurch schöngeredet werden können, dass jeweils Stellungnahmen erfolgten, man sei auch mit dem platzierten niedrigeren Volumen zufrieden und könne alles wie geplant umsetzen. Entspräche das der Wahrheit, sei die Frage erlaubt, wofür dann wohl das 3-fache Emissionsvolumen verwendet worden wäre. Ralf Meinerzag von der Steubing AG sieht darin keinen Grund, den Markt für Mittelstandsanleihen grundsätzlich zu verteufeln oder diese Form der Unternehmensfinanzierung anzuzweifeln: „Business as usual im Spiel zwischen Investoren und Emittenten.“ Wenn nach der Sommerpause ordentliche Emittenten auf den Plan treten, so Meinerzag, würden die zuletzt etwas flattrigen Emissionen rasch aus der Erinnerung verdrängt.