Dr.Martin Steinbach im Gespräch mit Redakteurin Maximiliane Worch

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, weltweit ist die Anzahl der IPOs im dritten Quartal zurückgegangen – was ist vom vierten Quartal nun noch zu erwarten?

Steinbach: Europa hinkt gegenüber Amerika und Asien hinterher. Trotz steigender Indizes und abnehmender Volatilität hat der Primärmarkt nicht in dem Maße angezogen wie erwartet. Eigentlich müsste deutlich mehr Aktivität da sein. Das trifft sowohl auf das dritte als auch auf das kommende Quartal zu. Wir rechnen weiterhin mit einer Handvoll Börsengänge in Deutschland, von denen ja bereits vier in der Presse angekündigt wurden.

GoingPublic: Warum diese Diskrepanz?

Steinbach: Als Begründung für die fehlende Aktivität an den europäischen Primärmärkten wird immer wieder die Finanz-/Eurokrise genannt. In den USA ist der JOBS-Act verabschiedet worden. Der Grundgedanke, der diesem Act zugrunde liegt, ist folgender: Innovation braucht Kapital, und Innovation sorgt für Wachstum und Wachstum wiederum sorgt für Arbeitsplätze. Dadurch wurde beispielsweise das Crowdfunding ermöglicht. Da stellt sich natürlich die Frage, ob Europa auch so etwas braucht.

GoingPublic: Die Volatilität ging zurück, die Indizes steigen, das Umfeld ist halbwegs stabil – warum kamen in den vergangenen Monaten nicht mehr Börsengänge?

Steinbach: Ganz einfach: Investorenvertrauen. Die Liquidität ist durchaus vorhanden, aber man traut sich nicht, das vorhandene Geld anzulegen. Das Vertrauen in den Kapitalmarkt fehlt schlichtweg. Das kann man sehr schön an den Handelsvolumina ablesen. Der Markt ist nicht von hohen Volumina getragen, die Handelsvolumina sind schwach.

GoingPublic: Was würden Sie IPO-Kandidaten raten?

Steinbach: Das Wichtigste ist, dass dieses Vertrauen der Investoren wieder zurückkommt. Die Kandidaten müssen sich künftig anstrengen, ein breiteres Publikum anzusprechen, nicht nur die großen institutionellen, sondern auch die semi-institutionellen Investoren und Privatanleger. Unabhängig davon, um welches Unternehmen es sich handelt, sollte man alle Medienkanäle nutzen, um die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Das ist in den letzten zehn Jahren komplett verloren gegangen. Daher sollten die platzierenden Einheiten daran arbeiten, wieder breit angelegt Roadshows, Pre-Marketing usw. durchzuführen.

GoingPublic: Wäre es wirklich so simpel?

Steinbach: Natürlich braucht man darüber hinaus auch eine gewisse Flexibilität hinsichtlich der Free-Float-Regelung. Wenn ein Unternehmen in die IPO-Vorbereitungen investiert, dann sollte sichergestellt sein, dass der Börsengang nicht daran scheitert, dass der geplante Free-Float nicht eingehalten werden kann. Daher ist es sehr wichtig für das gesamte IPO Team, daran zu arbeiten, wie man für die nötige Liquidität sorgen kann, die es ermöglicht, auch unterhalb der 25%igen Free-Float-Anforderung die Zulassung zu erhalten. Auch das Thema Dividende ist wichtig für Investoren. Wenn der Emittent prognostiziert, eine Dividende auszuschütten, macht er sich für verschiedene zusätzliche potenzielle Investoren interessant.

GoingPublic: Hat der Börsengang von Talanx die Trendwende auf dem IPO-Markt in Deutschland eingeläutet?

Steinbach: Für den deutschen Kapitalmarkt war es extrem wichtig, dass endlich wieder eine große Transaktion stattgefunden hat. Aber sowohl die Anzahl von relevanten Banken wie auch die von MidCap-Investoren ist zurückgegangen, und die großen Investoren konzentrieren sich zunehmend in anderen Finanzzentren. Daher bedarf es immer mehr Anstrengung, Investorenpublikum anzusprechen.

GoingPublic: Mehrere chinesische Unternehmen haben hierzulande den Schritt aufs Parkett gewagt. Ihre Zahlen – geringe KGV, hoher EBIT etc. – stimmen. Bei Investoren scheint das jedoch nicht anzukommen – was würden Sie den chinesischen Emittenten raten?

Steinbach: Es ist richtig und unsere Analyse zeigt auch ganz deutlich, dass die chinesischen Unternehmen wachsen: zweistellige Wachstumsraten, wachsendes EBIT und hohe Margen. Offensichtlich verfügen sie über hohe Wachstumsraten und eine hohe Profitabilität im Vergleich zu deutschen Emittenten. Dies muss aber erst beim Investor ankommen – und zwar in der Wahrnehmung und auch durch Kursgewinne. Ein Weg, dies zu erreichen, wäre die Auszahlung einer Dividende – quasi als Beweis für die Profitabilität. Der Emittent sollte dem Investor neben Kursgewinnen auch einen stabilen Cashflow in Form einer Dividende in Aussicht stellen.

GoingPublic: Würde das schon ausreichen?

Steinbach: Eine Dividende wäre natürlich nicht ausreichend, aber zumindest ein erster Schritt. Ein großes Problem ist auch hier das offenbar fehlende Investorenvertrauen. Daher müssen chinesische Unternehmen umso mehr aktive Investor Relations betreiben. Wenn sie die operative Performance haben, die in den Geschäftsberichten abgebildet ist, dann muss man damit permanent an die Öffentlichkeit gehen. Außerdem ist auch ein örtliches Commitment äußerst wichtig – also dass die Emittenten vor Ort bei Investoren präsent sind –, und das nachhaltig. Dies könnte man durch regelmäßige Roadshows und ständige Präsenz in Deutschland erreichen.

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Das Interview führten Falko Bozicevic und Maximiliane Worch.