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Dr. Martin Steinbach, Head of IPO and Listing Services bei Ernst & Young, bringt Falko Bozicevic, Chefredakteur des GoingPublic Magazins, ins Grübeln.

 

Die Stimmung am Primärmarkt verbessert sich. Zwar war die Anzahl der IPOs im ersten Quartal weltweit rückläufig, jedoch stehen die Vorzeichen gut für eine rasche Genesung. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt Dr. Martin Steinbach, welche Rolle auch die zuletzt beliebten Mittelstandsanleihen spielen und wann wieder mit mehr Börsengängen in Deutschland zu rechnen ist.

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, wie hat sich der Primärmarkt in Deutschland im ersten Quartal entwickelt?

Steinbach: Wenn es um den Primärmarkt geht, gehören auch Bonds dazu. Ein Blick auf die Bondemissionen im ersten Quartal zeigt, dass der Markt vorhanden ist – allerdings auf der Fremdkapitalseite. Wirklich neu ist, dass Bond-Emissionen auch unter 100 Mio. EUR an Fahrt gewinnen. Die Emittenten haben durch die neuen Börsensegmente die Chance, diese als visible Vermarktungsplattform zu nutzen. Zudem werden Privatanleger mittlerweile über die Transaktionen aktiv angesprochen und über verschiedene Medienkanäle richtig gut informiert. Diese Entwicklung wäre auch im Hinblick auf Aktien wünschenswert.

GoingPublic: Ist es denn wirklich einfacher, eine Mittelstandsanleihe in Höhe von 50 Mio. EUR zu begeben, als dasselbe auf der Eigenkapitalseite zu leisten?

Steinbach: Von den Regulatoren wird eine Eigenkapitalemission anders behandelt als eine Anleihebegebung. Zwar geht es in beiden Fällen um Privatanleger, jedoch wird im Ergebnis eine Aktie viel weniger beworben als eine Anleihe. Das scheint kaum „fair“. Daher sollte es auch für Aktien ähnliche und rechtssichere Formate geben: So lässt sich eine große Investorenbasis leichter ansprechen und die Aktienkultur verbessern.

GoingPublic: Kannibalisiert der Trend bei Mittelstandsanleihen nicht bereits den Aktien-Primärmarkt?

Steinbach: Da gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits nein, da es primär eine Frage der Finanzierungsstrategie ist, für welchen Weg man sich entscheidet. Das eine ist Fremdkapital und das andere Eigenkapital. Die Vorteile des Fremdkapitals sind, dass es steuerlich gefördert ist und kein Stimmrecht hat.

GoingPublic: Welche Rolle spielt dabei die Möglichkeit, über die Börsen selbst zu zeichnen: Wäre dies nicht auch für Aktien darstellbar?

Steinbach: Die Bank übernimmt eine wichtige Funktion. Sie dient dem Emittenten, achtet aber gleichzeitig auch auf den Investor. Dies sichert ein ausgewogenes Interessenverhältnis. Schließlich möchte der Emittent eine faire Bewertung erzielen und der Investor einen optionalen Zeichnungsgewinn. Ferner ist momentan zu beobachten, dass es einen Trend hin zu mehr Konsorten gibt, um möglichst viele Investoren anzusprechen.

GoingPublic: Wo bleiben dann hierzulande die großen Börsengänge?

Steinbach: Die Emissionsvolumina sind weltweit sogar gesunken. Dies könnte eine Reaktion darauf sein, dass der Emittent eine höhere Deal-Wahrscheinlichkeit sieht, indem er das Emissionsvolumen soweit herunterschraubt, dass er es auch ganz sicher platzieren kann.

GoingPublic: Wie viel Vorlauf benötigt ein IPO?

Steinbach: Dazu gibt es globale Erfahrungswerte. Diese besagen, dass ca. 70% der Unternehmen 12 bis 24 Monate Vorlaufzeit benötigen. Dabei muss sowohl die interne Vorbereitung auf den Kapitalmarktregelbetrieb als auch das externe IPO-Projekt, wozu Banken etc. gehören, im Zeitplan berücksichtigt werden. Unternehmen, die im letzten halben Jahr ihren Börsengang verschoben haben, sollten ihre Börsenpläne weiterhin vital halten. Denn wenn die Strukturen geschaffen sind, kann der Emittent ein bestehendes IPO-Fenster viel schneller nutzen.

GoingPublic: Mit wie vielen IPOs rechnen Sie in Deutschland in diesem Jahr?

Steinbach: Wir rechnen mit bis zu zehn im ersten Halbjahr, wenn alles gut läuft. Deutschland würde volkswirtschaftlich bis zu 40 IPOs im Jahr vertragen. Und dies zu erreichen, muss auch das Ziel sein, denn die Eigenkapitalfinanzierung ist wichtig für Innovation, Wachstum und Arbeitsplätze.

GoingPublic: In Polen wurden dagegen jüngst bereits mehrere Börsengänge registriert – woran liegt das?

Steinbach: An Investoren, die angehalten sind, in polnische und ukrainische Unternehmen zu investieren: Insofern wurde dort ein Ökosystem geschaffen, das in sich selbst investiert. Um die hohe Anzahl an Börsengängen zu relativieren, muss man auch die Volumina betrachten: Polen hatte 17 Mio. USD. an Kapitalerhöhungen, aber zwölf IPOs. Das Gros findet am Juniormarkt der Warschauer Börse statt.

GoingPublic: Welche Motivation steht hinter einem Listing im Ausland?

Steinbach: Das kommt auf die Ausgangsituation und die Ziele des Emittenten an. Wenn man als Unternehmen eine hohe Konsumentenbasis im Ausland hat oder dort auch strategisch wachsen will, macht es Sinn, es zu prüfen. Es gibt viele Motivationen für diesen Schritt: Bewertung, Kosten, Strategie und Präferenzen.

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