Aktien- und Anleihekurse stiegen, nachdem der FED-Chef „Zeichen der Beruhigung“ in der amerikanischen Konjunktur ausgemacht zu haben glaubte. Sind damit die Weichen für das Soft Landing der amerikanischen Konjunktur gestellt?

Bedenklich sollte die Marktteilnehmer vielmehr der Verweis Greenspans auf die Inflationsdaten stimmen: Im Juni lagen die Verbraucherpreise um 3,9 % über dem Vorjahresstand, die Erzeugerpreise stiegen sogar um 4,1 %. Dies ist eindeutig zu hoch für ein weiches Aufsetzen! Neben den nach wie vor hohen Ölpreisen, die von der Notenbankpolitik nicht beeinflußbar sind, deuten eine ganze Reihe von Indikatoren auf steigende Zinsen. So ist jüngst der Kaffeepreis an der Londoner und der New Yorker Börse nach einer monatelangen Talfahrt über Nacht um über 16 % gestiegen. Die schwarzen Bohnen sind in der Vergangenheit schon häufig ein Frühindikator für anziehende Preise der übrigen Soft Commodities gewesen. Bei einer generell weiter auf hohem Niveau befindlichen privaten Binnennachfrage sowie einem nach wie vor stabilen BIP-Wachstum ist daher noch längst kein Grund zur Entwarnung zu sehen. Auch die im Mai unerwartet stark gestiegenen Lagerbestände signalisieren eine hohe Kaufbereitschaft der Konsumenten.

Es zeigt sich daher einmal mehr, wie kurzfristig die Märkte reagieren: Es wird auf Aussagen einzelner Handlungsträger gewartet, die an den Märkten die Richtung vorgeben. Ein eindeutiger Trend ist jedoch momentan auch an den Rentenmärkten nicht zu beobachten: Die Kurse dümpeln vor sich hin, eine Tendenz ist nicht auszumachen. Dieses Phänomen ist auch auf der Aktienseite zu beobachten, wo Analysten nur noch den Quartalszahlen von Unternehmen hinterher hecheln, um anschließend noch höhere Prognosen für die kommenden Quartale zu treffen. Anstatt sich Gedanken über die fundamentalen Hintergründe ökonomischer Entwicklungen zu machen, vollzieht die Analystenzunft nur noch ihre eigenen, oft überzogenen Erwartungen nach. Kann ein Unternehmen nicht dauerhaft steigende Umsätze und Erträge vermelden, so wird es an der Börse abgestraft, wie jüngst die Lucent-Aktie. Dagegen bleiben das technologische Potential oder die langfristigen Geschäftsaussichten oft lange unberücksichtigt. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für einstige oder aktuelle Börsenlieblinge. Die Empfehlungen überschlagen sich trotz oder gerade wegen fehlender fundamentaler Faktoren. Sentiments und Zukunftsvisionen spielen oft eine größere Rolle als harte Fakten. Doch auch hier geht der Krug zum Brunnen, bis er schließlich mangels fundamentaler Perspektiven irgendwann einmal bricht. Kandidaten für einen Abstieg gäbe es ebenfalls zur Genüge.

Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr: Steigende Aktienkurse bewirken eine Inflation der Assets, die in den USA seit Jahren zu einem Wohlstandseffekt geführt haben. Dieser sorgte für großzügige Konsumausgaben, wobei der Nachfrageüberhang wiederum für steigende Gewinne und damit steigende Kurse sorgte. Einzelne Segmente wie die Internet-Stocks haben zwar schon deutlich korrigiert, der Gesamtmarkt verharrt aber nach wie vor auf hohem Niveau. Bei vielen Technologiewerten ziehen die Kurse wieder ungebremst an. Dadurch steigt das Geldvermögen der privaten Haushalte ungebremst und trägt zum anhaltenden Kaufrausch der Amerikaner bei. Wenn es Alan Greenspan nicht gelingt, mit warnenden Worten und Taten einer erneuten Überhitzung des Aktienmarktes Einhalt zu gebieten, dann könnte den Börsen ein heißer Herbst bevorstehen. Eine Zinserhöhung wird also wahrscheinlich nicht ausbleiben und es ist offen, ob dies dann die Letzte in diesem Jahr sein wird. Der vorsichtige Anleger sollte daher auf der Hut sein und eine defensive Anlagestrategie fahren.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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