Insbesondere die Ankündigung der amerikanischen Wachstumsbörse NASDAQ, eine eigene europäische Börse ins Leben zu rufen, hat den Wettbewerbsdruck für die Brüsseler Wachstumsbörse erhöht. Als Konsequenz hat sich das Unternehmen in den letzten Monaten strategisch neu ausgerichtet.

Insbesondere die überaus erfolgreichen nationalen „Neuen Märkte“ in Europa haben bisher einen größeren Erfolg der EASDAQ verhindert. Nach drei Jahren sind in Brüssel gerade einmal 71 Unternehmen gelistet, von denen nur 56 ursprüngliche EASDAQ IPOs sind. Für die letztgenannten Unternehmen ermöglicht die Börse seit Oktober letzten Jahres ein Dual Listing ohne Plazierung neuer Aktien, so daß nunmehr auch Unternehmen, die an anderen Börsen in Europa, Israel und den USA gehandelt werden, eine formale Notierung an der EASDAQ aufnehmen können.

Die restlichen 15 Unternehmen, die an der EASDAQ gehandelt werden, sind internationale Technologieaktien wie Microsoft, Intel, Cisco, Yahoo!, Qualcomm, Sun, Oracle. Diese Option besteht seit Jahresanfang im Rahmen des sog. Dual Tradings. Hierbei handelt es sich aber nicht um ein formales Listing des Unternehmens an der EASDAQ. Die Unternehmen entscheiden auch nicht selbst über ihr Dual Trading. Einzig die Investmentbanker, die als Market Maker in diesen Aktien auftreten, bestimmen, ob bestimmte international stark nachgefragte Aktien in Brüssel gehandelt werden sollen. Ausschlaggebendes Kriterium ist, ob sich genügend Market Maker finden, um einen liquiden Handel zu finanzieren. Das Dual Trading ist also etwas anderes als das herkömmliche Dual Listing. An den Börsen Frankfurt, Stuttgart und Berlin etwa werden ebenfalls internationale Aktien wie z.B. Icon Medialab gehandelt, ohne daß man hier von einem Dual Listing spricht (der Mechanismus ist allerdings ein anderer).

Die doppelte strategische Neuausrichtung ist im richtigen Licht betrachtet aber eher ein Zeichen von Schwäche denn von Stärke. Die Tatsache, daß Neuemissionen nicht mehr das Hauptaugenmerk der Brüsseler sind, kommt dem Eingeständnis gleich, daß die EASDAQ als IPO-Markt an Attraktivität verloren hat. Statt auf IPOs verläßt man sich nunmehr auf Cisco und Microsoft, um Volumina zu generieren…

Ein weiteres Versäumnis der EASDAQ war es, die Option eines Dual Listings nicht schon viel früher zu schaffen. Es scheint auch einen Grund dafür zu geben, warum man es letztendlich im Oktober 1999 getan hat. Schaut man sich die Herkunftsländer der EASDAQ-Unternehmen an, so stellt man fest, daß deutlich mehr als ein Drittel der Unternehmen aus Großbritannien kommen. Das liegt daran, daß die Briten bisher keine nationale Wachstumsbörse hatten. Durch die Etablierung des techMARK gegen Ende des letzten Jahres hat sich dies aber geändert. Hätte die EASDAQ keine Option des Dual Listings geschaffen, so würden sich viele britische Unternehmen einzig für den Heimatmarkt entscheiden.

Reagieren, nicht agieren – das scheint momentan das Motto der EASDAQ zu sein. Die Brüsseler sind der neuen Konkurrenzsituation nicht gewachsen. So visionär die Börse einst gestartet ist, so inagil erscheint sie heute. Die Zahl der IPOs blieb in den letzten drei Jahren weit hinter den konservativsten Erwartungen zurück und die neue strategische Ausrichtung ist wenig überzeugend. Bereits vor dem Start der NASDAQ Europe erscheint die EASDAQ geschlagen.


Die EASDAQ ist angetreten, um die europäische Börsenlandschaft zu revolutionieren. Doch Revolutionen haben bekanntlich etwas undankbares an sich. Manchmal fressen sie gar ihre Kinder…

Die Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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