Die Diskussion wird hinreichend aufgeheizt geführt, und wie immer, wenn die Gefühle überschwappen, lassen sich die Protagonisten nicht von der Vernunft korrumpieren. In den vergangenen Tagen wurde deutlich, welch katastrophale Wirkung der Wahlkampf von Roland Koch in Hessen im Ausland hinterlassen hat. Ohne dessen reichlich undifferenzierte Scharfmacherei wären die Reaktionen auf das – nach Lage der Dinge – Unglück von Ludwigshafen bei weitem nicht so vehement ausgefallen.

Leider war der Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan in Deutschland auch nicht hilfreich, da er sich letztlich als Beschützer der hier lebenden Türken aufspielte. Gewiss lassen die Integrationsbemühungen in der Bundesrepublik Raum für Verbesserungen, und das gilt nicht nur für Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Gleiches darf man aber auch über die Integrationsbereitschaft vieler Migranten sagen. Erfolgreiche Migration gleicht insofern der Ehe: Es gehören zwei dazu, die „Ja“ sagen. Schon schnipsen die ersten Besserwisser Aufmerksamkeit heischend mit den Fingern und fordern, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen – eine Forderung, die in ihrer intellektuellen Schlichtheit nicht überbewertet werden kann.

Der Blick auf die wirtschaftlichen Realitäten zeigt eines ganz klar: Migranten sind hierzulande unverzichtbar, und wenn man es so verengen möchte: Auch eine immense wirtschaftliche Chance. Allein die türkisch-stämmigen Selbständigen erwirtschaften in der Bundesrepublik jährliche Umsätze von etwa 30 Milliarden Euro. Jede 10. Unternehmensgründung wird mittlerweile von einem Migranten durchgeführt, Tendenz stark steigend. Berechnungen des Arbeitsministeriums zeigen, dass aktuell zwei Millionen Arbeitsplätze von Unternehmern mit Migrationshintergrund in Deutschland geschaffen wurden, also jeder 20. Arbeitsplatz. Auf türkischen Unternehmer entfallen 260.000, auf italienische 240.000 Arbeitsplätze. Diese beiden sind die größten Gruppen.

Wirksame Maßnahmen, um Migranten Bildung, Ausbildung und Perspektive hierzulande zu bieten, sind nicht nur ein Gebot der Ethik, sondern eben auch wirtschaftliches Zukunftspotenzial – eine geradezu klassische Win-Win-Situation.

Stefan Preuß

Die GoingPublic-Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.