Um die Gunst der Anleger buhlen Unternehmen, deren Geschäftstätigkeiten wie Passagen aus einem Perry Rodan-Roman anmuten.

Und all diese Start-ups wollen an den Markt, die Börse. Dahin, wo das Geld ist, wo die Träume sind – und wo die Infineon-Aktien herkommen . Millionenfache Transaktionen mit mehreren Milliarden DM Umsatz jeden Tag. Nichts ist realer als Börse. Die Trutzburg des Kapitalismus, eine Institution – und doch wieder nicht. Die Deutsche Börse ist eine AG. Eine Aktiengesellschaft, die sich selbst – so skurril das klingt – mit Börsenplänen trägt. Den Worten ihres Vorstands Werner G. Seifert nach, sogar noch in diesem Sommer.

Wie es sich für ein richtiges Unternehmen gehört, hat sie natürlich auch Konkurrenz, und die ist nicht ohne. Das mußte Herr Seifert nun feststellen:

Seit mehreren Jahren schon führten die europäischen Börsen Paris, Brüssel, Amsterdam, Mailand, Frankfurt, London, Madrid und Zürich Gespräche. Ziel war eine paneuropäische Handelsplattform, Ergebnis bisher sind jedoch lediglich harmonisierte Handelszeiten. Jetzt aber kommt Bewegung in die europäischen Handelsplätze. Der Vorstand der Pariser Börse Jean-Francois Theodore beweist Tatendrang: Paris, Brüssel und Amsterdam schließen sich zusammen. Kein Wort von Allianz, sie fusionieren. Die neu gegründete Euronext wird, gemessen am Transaktionsvolumen, in Europa führend sein, ihren Firmensitz in den Niederlanden haben und von Jean-Francois Theodore als CEO geleitet werden. Es sieht ganz danach aus, als wäre er nun der Gewinner des längst überfälligen Konsolidierungsprozesses des europäischen Kapitalmarktes – aber entschieden ist noch nichts.

Einzig konkret ist momentan der Zugzwang, unter den Theodore seinen ungeliebten Konkurrenten Seifert gebracht hat. Der wiederum plante ein internationales „Euroboard“, an dem sich die weltweit größten Investmentbanken und die wichtigsten europäischen Börsen beteiligen sollten. Dieses Vorhaben scheint jetzt aber ins Wanken zu kommen. Auf einmal gewinnt für Seifert die Frage an Bedeutung, wie die drohende Isolation des Finanzplatzes Deutschland abzuwenden ist. Das klingt überzogen, ist es aber nicht. Denn würde Theodore seinen Kollegen, den Vorstand der Londoner Börse Gavin Casey, in den neu geschlossenen Bund „Euronext“ aufnehmen, hätte die Deutsche Börse endgültig verloren.

Aber malen wir den Teufel nicht an die Wand. Es ist noch nichts verloren. An diesem Mittwoch führen die acht Vertreter der europäischen Handelsplätze ihre Konsens-Gespräche fort. Da bleibt dem aufmerksamen Beobachter nur das Abwarten und Hoffen: Hoffen auf ein wieder erstarktes Handlungsgeschick Seiferts und natürlich auf einen Abbau der Spannungen zwischen ihm und Theodore – und um mit Science-Fiction abzuschließen, noch der finale Wunsch: “Möge die Weisheit mit ihnen sein!“

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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