Der Aufsichtsrat stimmte nach dreistündigen Beratungen mit einer deutlichen Mehrheit von 17 Stimmen für die Fusion. Erforderlich wären 11 Stimmen gewesen. Zuletzt waren zwar nach einer längeren Phase der (schweigenden) Zustimmung doch einige kritische Stimmen aus den Kreisen von Aufsichtsrat, Börsenaufsicht und Politik laut geworden. Die einen bemängelten, daß sowohl der Sitz der neuen Superbörse iX wie auch sämtliche Führungsgremien in London angesiedelt werden sollten. Damit wäre also auch der rechtliche Sitz der neuen paneuropäischen Wachstumsbörse, die zusammen mit der NASDAQ aufgebaut werden sollte, nicht mehr in der Mainmetropole gewesen. Dies hätte nach Meinung einiger Kritiker dazu geführt, daß auch der Handel mit den Werten, der eigentlich in Frankfurt verbleiben sollte, früher oder später nach London verlegt worden wäre.

In der ersten Frage ist, nach den Aussagen des Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Börse AG, Rolf Breuer zu folgern, wohl eine Lösung gefunden worden. Der Neue Markt und der künftige paneuropäische Wachstumsmarkt sollen der deutschen Börsenaufsicht unterstellt werden. Beide Märkte sollen von Frankfurt aus unter einer eigenen Trägergesellschaft betrieben werden. Damit unterliegen die Segmente deutschen Regularien und der deutschen Börsenaufsicht. Mit dieser Entscheidung erscheint zumindest mittelfristig der Verbleib des attraktiven Wachstumsmarktes auf dem europäischen Kontinent gesichert, die befürchtete „Sogwirkung“ nach London wird wohl vorerst ausbleiben.

Die anderen Kritiker, zu denen als prominentestes Beispiel der Vizepräsident des Bundesaufsichtsamtes Georg Dreyling zählt, mahnen die noch fehlenden aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen an und verweisen darauf, daß zum Zusammenlegen des Handels zweier bisher unabhängiger Börsenplätze auch die Zustimmung der jeweiligen Aufsichtbehörde erforderlich sei. Zu diesem Punkt war auf der Pressekonferenz jedoch kein eindeutiges Statement zu hören. Es bleibt daher abzuwarten, ob die Verlagerung des Handels mit deutschen Standardwerten auf die britische Insel so ohne weiteres möglich ist.

                                                                  

Vieles erscheint nach wie vor unklar, einige wesentliche Fragestellungen wie die der einheitlichen Abwicklung und der Integration der Terminbörsen bleiben weiterhin offen. Zudem fragt man sich, ob der Aufsichtsrat der Deutschen Börse AG nicht besser mit der Entscheidung gewartet hätte, bis letzte Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens ausgeräumt worden wären. Allerdings drängt auch die Zeit: Große angelsächsische Adressen hatten bereits vor Monaten angekündigt, notfalls auch eigene Handelssysteme auf die Beine zu stellen, welche die europäischen Börsen überflüssig gemacht hätten. Daher war Eile geboten. Diese Überlegungen haben daher sicher auch die noch überwiegend zaudernden Aufsichtsräte bewogen, der Fusion zuzustimmen, um dieses wegweisende Projekt nicht scheitern zu lassen. Die zu erwartenden Empfindlichkeiten auf britischer Seite im Falle einer Vertagung mögen sicher auch eine Rolle gespielt haben.

Es bleibt abzuwarten, wie die Fusionspartner die noch offenen Fragen lösen werden. Auch wird erst die Zukunft weisen, ob es bei dieser Fusion „nur Gewinner“ geben wird. Irgendwie hinterläßt diese Aussage einen etwas schalen Beigeschmack, wenn man sich an jüngste Fusionsvorhaben zurückerinnert, bei denen sich einer der Beteiligten letztlich doch übervorteilt fühlte. Dennoch ist das Vorhaben sicher der richtige Schritt zu einer nachhaltigen Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft, anfängliche Fehler sollten bei einem Gelingen der Fusion langfristig heilbar sein.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.