Selten waren sich die Beobachter so einig: Schon lange paßten die real existierenden Nachrichten nicht mehr mit der Euphorie an der Börse zusammen. Inflationsängste, das leichte Abkühlen der Weltwirtschaft sowie allgemein das zu weite Vorauseilen der Kurse, also zu viel eingepreister Optimismus, all dies wurde sehr lange verdrängt. Nun also die Erkenntnis: Ja, Kurse können tatsächlich jederzeit nachgeben, beträchtlich sogar.

Weitaus drastischer könnte die Situation an den Rohstoffmärkten ausfallen. Die Zyklen wiederholen sich ja: Die Verknappung eines Stoffes mit einhergehenden Preissteigerungen macht die Förderung an bislang unrentablen Stellen interessant, also wird investiert. Das rechnet sich so lange, wie die wachsende Wirtschaft die neuen Kapazitäten aufnimmt. Kommen zu viele Kapazitäten in einer Phase verlangsamten Wachstums an den Markt, drückt dies natürlich auf die Preise, das böse Wort Überkapazität macht dann die Runde.

Eine solche Situation ist für die nahe Zukunft – morgen, nächste Woche oder in drei Monaten – für viele Rohstoffe nicht ausgeschlossen. OPEC-Vertreter betonen fast schon gebetsmühlenartig, daß ungeachtet der Preisexplosionen jeden einzelnen Tag genügend Rohöl verfügbar war, um den Bedarf zu decken. Auch bei Metallen oder Kohle wurden in den vergangenen Monaten und Jahren große Investitionen in neue Abbaustätten getätigt.

Das Prinzip der Warentermingeschäfte verleitet zahlreiche spekulative Marktteilnehmer, also jene, die für die gehandelten Commodities auf keinen Fall eine industrielle Verwendung haben, zum sogenannten Pyramiding, also die Investition eines spekulativen Zwischengewinns in eine erneute Spekulation. Wenn dann tatsächlich die Preise bröckeln, sorgen die Verkäufe dieser Teilnehmer für wesentliche drastischere Bewegungen als die Stopp Loss Orders im Aktiensegment, weil im Prinzip um jeden Preis verkauft werden muß. Die Anzeichen verdichten sich, daß bei vielen Rohstoffen das Ende der (Preis-)-Fahnenstange erreicht ist. Der Rutsch an den Aktienmärkten sollte den einschlägig Investierten eine Warnung sein. Die Luft ist mittlerweile ganz schön dünn.

Stefan Preuß

Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

 

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