Gemeint ist nicht Enron, denn im Vergleich dazu ist Enron ein kleiner Fisch. Es geht um Bernie Ebbers Wunderkiste, das Telekommunikations-Unternehmen Worldcom, das vor knapp einem Jahr als einer der größten Bilanzskandale in die amerikanische Wirtschaftsgeschichte einging. Aus viel Wachstum wurde viel heiße Luft, noch mehr Ärger und schließlich ein insolventes Unternehmen, das eingestehen mußte, seinen operativen Gewinn um 3,6 Mrd. US-$ zu hoch ausgewiesen zu haben.

Unschöne Sache, aber das Leben geht weiter. Also wurde fortan an einer Restrukturierung gearbeitet, neue Manager, die es mit der Wahrheit etwas genauer nahmen, begannen mit dem Großreinemachen. Daß das durchaus ernst gemeint war, zeigte sich Anfang des Jahres. Worldcom rang sich dazu durch, den unglaublichen Betrag von 80 Mrd. US-$ auf sein mittlerweile wertlos gewordenes weltweites Daten- und Telefonnetz abzuschreiben – der höchste Betrag, den ein US-Unternehmen bisher auf einmal aus der Bilanz fegte.

Zwar kletterte der manipulierte Betrag bis Anfang des Jahres weiter von 3,6 Mrd. US-$ auf 9 Mrd. US-$, aber Worldcom gab sich optimistisch. Nach herben Verlusten im Dezember realisierte das Unternehmen im Februar trotz immer noch rückläufiger Umsätze einen Monatsgewinn von 145 Mio. Euro. Optimismus war angesagt, bis zum Ende des Jahres sollte das Insolvenzverfahren Geschichte sein. Aber weit gefehlt.

Interne Prüfungen haben nun ergeben, daß weitere 2 Mrd. US-$ Gewinne falsch gebucht worden seien. Aus den Anfangs 3,6 sind dadurch mittlerweile 11 Mrd. US-$ geworden. Angefallene Kosten sollen auf die Tochter MCI ausgelagert worden sein, die eine rechtlich selbständige Einheit darstellte. Damit konnte der eigene Gewinn deutlich gesteigert werden.

Der neue Optimismus hat nun einen deutlichen Dämpfer bekommen. Wäre Worldcom ohne die Manipulationen überhaupt jemals in der Lage gewesen Gewinne zu schreiben, beginnen sich nun viele zu fragen, oder ist das Geschäftsmodell komplett verfehlt? Das Ende des Insolvenzverfahrens dürfte damit in weite Ferne gerückt sein. Ob es eine Zukunft geben kann, und wie diese auszusehen hat, wird wohl erst im Sommer zum Abschluß der Ermittlungsverfahren geklärt werden. Wir dürfen gespannt sein.

Daß Bilanzmanipulationen während der Tech-Bubble leider keine Einzelfälle waren, zeigt der auch der Fall i2 Technologies. Nachdem bekannt wurde, daß die Bilanzprüfung des Software-Herstellers ausgeweitet werden müsse, hat i2 begonnen, mit der Wahrheit herauszurücken. Der CRM-Anbieter hatte seinen Umsatz von 87,9 Mio. US-$ 1996 auf stolze 522,5 Mio. US-$ steigern können. Das es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, darauf hatten Anfang Januar bereits zwei ehemalige Manager hingewiesen.

Dann wurde ermittelt und auch i2 selbst versprach, noch einmal genau hinzusehen. Und was haben sie dabei festgestellt? Für die Ergebnisse der Jahre 1999 bis 2002 seien wesentliche Berichtigungen notwendig. Quantifiziert wurde das bisher allerdings nicht, aber mit der Wahrheit dürfte es ähnlich laufen wie bei Worldcom. Schritt für Schritt, die SEC ermittelt, das Unternehmen gibt zu, die SEC ermittelt weiter, die Manipulation wächst – bleiben sie also dran, es wird spannend!

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