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Ob der Jubel nach dem erfolgreichen Torschuss oder das Werben paarungsbereiter Großstädter in der Disco um die hübschesten Weibchen – überall dominiert eingeschliffenes Verhalten. Tarifverhandlungen allerdings sind die Mutter aller Rituale. Während die eine Seite blumig erläutert, warum Lohnerhöhungen in dieser oder jener Höhe absolut unverzichtbar seien, lässt die andere zumeist lapidar wissen, dass aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit höherer Lohn nicht angezeigt sei – und im übrigen sei ja so gut wie nichts zu verteilen. Gäbe es ein Maskottchen für die Tarifparteien, dann wäre es das Murmeltier, das ebenso ewiglich wie verlässlich grüßt.

Mit der Debatte um Investivlöhne hat der Verteilungs-Poker in der nun beginnenden Verhandlungssaison besonders früh begonnen. Nach dem Tarifabschluss ist vor der Tarifverhandlung, sozusagen. Kein Zweifel kann es daran geben, dass nach Jahren moderater Abschlüsse nun, da die Unternehmen mehrheitlich gute Gewinne schreiben, die Ergebnisse deutlich oberhalb der Inflationsrate liegen werden. Über die Ausgestaltung lässt sich trefflich diskutieren.

Die Idee des Investivlohns, hinreichend zeremoniell unters Volk gebracht und dann glühend vertreten, eignet sich prima, um ein paar nette Schlagzeilen zu ernten und das soziale Profil zu schärfen. Als Lösung eignet es sich allerdings nicht, denn die Hürden bei der Umsetzung sind unüberwindbar. Wenn der Mittelständler nun mal keine Anteile, und seien es nur Genussscheine, an seiner Gesellschaft abgeben will, wird ihn niemand zwingen können. Und der Gedanke, dass im Falle der Insolvenz die Anteile, das Kapital, der Arbeitnehmer nicht seinen Wert verliert, widerspricht dem aktuellen Wirtschaftssystem komplett. Jene Arbeitnehmer, die über Aktien am steigenden Unternehmenswert beteiligt werden könnten, besitzen dazu schon heute ganz normal über die Börse die Möglichkeit.

So ist davon auszugehen, dass die Politik noch eine Weile den Investivlohn in der einen oder anderen Kommission staatstragend abwägt, um die Idee dann unter großem Bedauern zu beerdigen. Womit sich die Tarifparteien dann wieder ungestört ihrem Ritual nach alter Väter Sitte hingeben können: Welche Zahl wird wohl dieses Mal vor dem Komma stehen?

Stefan Preuß

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