Fairerweise muß angemerkt werden, daß die weiter unten erwähnte Ericsson inzwischen eine Kursvervielfachung erfahren hat. Wahrscheinlich deshalb, weil die Schweden – wie „gefordert“ – endlich eingesehen haben, daß das Handygeschäft nun mal nicht ihr Metier ist… Nokia befindet sich auf Sechsjahrestief, Tendenz weiter fallend. Der Abstieg begann in dem Moment, als man einen Marktanteil von 40 % ins Auge faßte und nicht sah, daß die asiatische Konkurrenz in wenigen Jahren das gleiche mindestens genauso gut und günstiger würde produzieren können. Hochmut kommt vor dem Fall, und so erscheinen 20 % weitaus realistischer. Der Prozeß ist hart und schmerzhaft, auch für Anleger.

Hier die Originalfassung der GoingPublic Kolumne vom 8. Mai 2002:

“Das Vertrauen von Anlegern in die Telekommunikationsbranche schmilzt. Konnten Nokia und Konsorten in den vergangenen Quartalen immerhin noch Visionen vermitteln, so gelingt selbst das nicht mehr. Der Stimmungsumschwung war überfällig.

Wie konnte es sein, daß sich die Aktien von – um nur einige und nur die bekanntesten Beispiele zu nennen – Nokia, Ericsson, Siemens, Motorola – in den letzten Quartalen immer wieder von ihren Tiefs erholen und teilweise „Zwischenverdopplungen“ markieren konnten? Der Abstieg vom Olymp währt mittlerweile schon rund zwei Jahre, doch haben es die genannten Handy-Spezialisten immer wieder vermocht, den Boden zu verkünden und baldige Impulse in Aussicht zu stellen.

Der Unsinn hat Methode. Allen voran verstehen es die Finnen ganz hervorragend, verprellte Investoren ein ums andere Mal mit Visionen zu beschwichtigen. Sind die Quartalszahlen von Nokia auch noch so erklärungsbedürftig, die neuen Prognosen fielen immer wieder bullish aus. Belohnt wurde das mit Kurssprüngen von teilweise bis zu 10 % oder auch schon mal mehr an einem Tag. Gut zu erkennen am zyklischen Kursverlauf der Aktien. Nach einigen Wochen ging den Papieren regelmäßig die Puste aus, weil sich der in Aussicht gestellte positive News-Flow doch nicht einstellte. Nach drei Monaten ging das Spielchen dann von neuem los. So zeigen sich bei Nokia rhythmische Dreimonats-Kursbuckel.

Inzwischen ist allerdings Sand im Getriebe, der sich nicht mehr so einfach ausspülen läßt wie bisher. Die Zwischenhochs der Kurse sind jeweils auf niedrigeren Niveaus angesiedelt als noch beim letzten Mal. Das Vertrauen erodiert von Quartal zu Quartal. Das Neueste: Auch 2002 wird noch nicht den Aufschwung in diesem gebeutelten Industriesektor bringen. Wahrscheinlich 2003 – was aber in großem Maße von einer erfolgreichen Einführung von UMTS abhängt. Oder überhaupt irgendeines Fortschrittes.

Noch deutlicher wird das Gesagte beim Dauerrestrukturierungskandidaten Ericsson. Es ist eine der größten Leistungen der Unternehmensführung, Investoren seit 1998 beharrlich einzureden, daß die bevorstehende Restrukturierung den Erfolg bringen sollte. Doch selbst in den Boom-Jahren des Handys schafften es die Schweden nicht, in dieser Sparte profitabel zu arbeiten. Die Aussicht darauf lockte jedoch immer wieder Anleger an. Schließlich ist die Phantasie dann am größten, wenn von Gewinnen noch weit und breit nichts zu sehen ist, bekannt als Yahoo!-Phänomen.

Seit ein paar Wochen jedenfalls notieren Ericsson-Anteile wieder so tief wie seit Mitte der 90er nicht. Der Spuk der letzten sechs Jahre ist vorüber. Die Schweden schaffen es jetzt nicht mehr, trotz desaströser Nachrichten Kauflust zu vermitteln. Auch Nokia ist auf einen Stand von Anfang 1999 zurückgeworfen, gleichwohl ambitioniert bewertet. Motorola notiert auf dem Niveau Anfang der 90er Jahre. Der Humbug der späten 90er scheint beendet – oder etwa doch noch nicht?“

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Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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