Werbung

Vor einigen Monaten stand Joel I. Klein, der leitende Monopoljäger im US-Justizministerium, noch alleine auf weiter Flur mit seiner Forderung, Microsoft zu zerschlagen. Heute sieht die Welt anders aus. Klein hat seinen Kopf durchgesetzt und präsentierte nun auch offiziell seine Vorstellung der Teilung des Softwaregiganten. Die Chancen stehen nicht schlecht, daß Richter Thomas Penfield Jackson diesen Vorschlag akzeptiert, denn er steht dem Justizministerium bekanntlich sehr nahe.

Das Justizministerium schlägt dem Gericht in einem 17seitigen Pamphlet vor, Microsoft in eine Betriebssystem- und eine Anwendungsprogrammeinheit aufzuteilen. Beide Unternehmen sollen sich so für andere Anwendungssoftware bzw. Betriebssysteme öffnen und dadurch den Wettbewerb anregen. Damit das Unternehmen nicht de facto weiterbesteht, dürfen keine Joint Ventures eingegangen werden und auch ein Merger steht für ein Jahrzehnt außer Frage. Darüber hinaus fordert die Regierung Preistransparenz bei Windows. Weder soll es Rabatte für PC-Hersteller geben noch Rabatte für Softwarefirmen, die Microsoft-Produkte vermarkten. Microsoft dürfte darüber hinaus keine einzige eMail mehr vernichten und müßte Vertretern des Justizministeriums regelmäßig Rede und Antwort stehen. Die Anwälte dürften alle Informationen (eMails, Schriftverkehr, Programmiercode), die sie für wichtig halten, kopieren und untersuchen und außerdem jederzeit Microsoft-Beschäftigte befragen.

Bill Gates kritisierte die Vorschläge als „verbraucherfern“ und „unverhältnismäßig“. Ein Microsoft-Sprecher sprach von „Extremmaßnahmen“ und auch CEO Ballmer war außer sich. In der Tat wäre dieser Schritt ein schwerer Schlag für das Unternehmen. Gerade für die Entwicklung von „Next Generation Windows“ wird es entscheidend für Microsoft sein, verschiedenste Applikationen in das Betriebssystem zu integrieren. Allerdings stehen die Chancen gut, daß Microsoft beim Berufungsgericht in Washington D.C. ein freundlicherer Empfang bevorsteht. Bereits 1998 hatte das Washingtoner Gericht zu Gunsten von Microsoft entschieden, als es um die Frage ging, ob der Internet Explorer mit Windows verbunden werden dürfe. „Judge Jackson“ sieht dies anders, und die Fronten zwischen ihm und D.C. sind verhärtet. Bill kann also noch hoffen, daß sein Unternehmen nicht entzweigeschlagen wird. Auch wenn Wall Street gerade etwas hysterisch reagiert: Die Frage, ob Microsoft als ein oder zwei Unternehmen überlebt, ist nicht wirklich entscheidend. Der „Break-up“ könnte sogar die charmantere Lösung für die Anleger sein.

Bewertet wird Microsoft derzeit mit weniger als dem 40fachen des 2000er Gewinns und dem 15fachen Umsatz. Auch für die Zukunft darf mit Wachstumsraten von 20 % p.a. gerechnet werden. Rund 60 % der Umsätze stammen aus dem Bereich Anwendungssoftware, die restlichen 40 % kommen vom Betriebssystem Windows. Sollten beide Unternehmen separat gehandelt werden, dürfte die Office-Einheit einen deutlichen Bewertungsaufschlag erhalten. Die Geschäftsaussichten für Microsoft-Anwendungssoftware, die ohnehin hervorragend sind, würden sich evtl. sogar verbessern, wenn das Unternehmen seine Programme auch für andere Betriebssysteme herstellt. Dies dürfte einen zu erwartenden Bewertungsabschlag der Windows-Unit überkompensieren.

Wenn ein Unternehmen einen Gerichtsstreit am Hals hat, dann ist es wahrscheinlich, daß der Markt überreagiert. Darauf hat Benjamin Graham uns seinerzeit schon hingewiesen. Neben Philip Morris scheint auch Microsoft ein Beispiel dieser ganz legalen Irrationalität zu sein.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.