Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen, Blättchen Financial Advisory

Nicht nur Deutschland leidet unter einer dauerhaften IPO-Schwäche, sondern auch Amerika. Insbesondere kleinere Wachstumsunternehmen halten sich mit dem Schritt an den öffentlichen Kapitalmarkt zurück. Lag die durchschnittliche Anzahl der Börseneinführungen von Small-Cap-Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als 50 Mio. USD im Zeitraum zwischen 1980 und 2000 bei 165, so fiel diese Zahl in der Folgedekade bis 2011 um dramatische 80%. Eine ähnliche Entwicklung kann auch am deutschen IPO-Markt beobachtet werden. Nach dem IPO-Boom Ende der 90er Jahre und der kurzen Wiederbelebung in den Jahren 2005 bis 2007, in der jährlich durchschnittlich 60 Small-Cap-Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 50 Mio. EUR den Gang an die Börse wagten, hat sich deren durchschnittliche Anzahl in den letzten drei Jahren auf nur noch vier reduziert! Die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung ist dramatisch. Jungen Wachstumsunternehmen wird der Weg versperrt, ausreichend Mittel für die Entwicklung neuer Produkte und künftiger Innovationen zu erhalten. Zwar besteht die Möglichkeit der klassischen Venture-Capital-Finanzierung, jedoch ist dieser Finanzierungsweg nach drei bis vier Finanzierungsrunden i.d.R. erschöpft. Zudem hängt das Maß der Attraktivität eines VC-Engagements von einem funktionierenden IPO-Markt ab, da erst die Börse einen langfristigen, diskreten Ausstieg ermöglicht. Der kann ansonsten nur über einen Verkauf an einen neuen Finanzinvestor, an die Gründergesellschafter oder an einen Strategen erfolgen. Diese Exit-Wege sind begrenzt und schränken vor allem im „Trade Sale“ die Handlungsfreiheit des Managements und das Wachstumspotenzial eines eigenständigen Unternehmens deutlich ein.

Die Ursachen für die IPO-Müdigkeit hier und in Amerika sind vielfältig. Doch kann die in den letzten Jahren deutlich zugenommene Kapitalmarktregulierung als eine der Hauptgründe genannt werden. Die Einführung des Sarbanes Oxley Act, die zunehmenden Regulierungen in der Rechnungslegung, der Wirtschaftsprüfung, der Corporate Governance, aber auch die ausgeweiteten Offenlegungspflichten bei der Bezahlung von Organen führten in den USA zu einer geringeren Attraktivität des Going Public. Dieser Regulierungseifer färbte auch auf Deutschland ab, was insbesondere börsennotierte Unternehmen in den regulierten Märkten zu spüren bekamen (TransPuG, BilMoG, TUG, VorstAG etc.). Im Ergebnis muss festgestellt werden, dass der beabsichtigte erhöhte Anlegerschutz leider zu keinem Mehr an investitionsfreudigen Investoren und vor allem Privatanlegern führt. Im Gegenteil: Privatanleger spielen bei IPOs in Deutschland fast keine Rolle mehr. Auch wird das Being Public aufgrund der einzuhaltenden Gesetzesvorgaben immer kostspieliger. Der Anreiz für ein Going Public ist somit vor allem für kleinere Unternehmen geringer. Nicht wenige Unternehmenslenker börsennotierter Gesellschaften beklagen, dass sie für die Einhaltung der gesetzlichen Regularien mehr Zeit aufwenden als für die Weiterentwicklung ihres Kerngeschäfts.

Es scheint, dass zumindest in Amerika der Pendelausschlag in Richtung weiterer Kapitalmarktregulierungen gestoppt wird. Mit der Umsetzung des „JOBS-Act“ werden deutliche Erleichterungen für junge Wachstumsunternehmen in Bezug auf die Anforderungen von Sarbanes Oxley sowie der Veröffentlichungen von IPO-Research und der Vermarktung von Aktien in der breiten Öffentlichkeit geschaffen. Diese Erleichterungen gelten für Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als 1 Mrd. USD. Damit soll der „Small-Cap-Primärmarkt“ wiederbelebt werden. Amerika hat erkannt, dass der Anfang des letzten Jahrzehnts eingelenkte Weg der Regulierung übertrieben war. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis auch auf Deutschland und Europa überspringt!