Prof. Dr. Wolfgang Blättchen, Blättchen Financial Advisory

Die bisherige IPO-Bilanz für das laufende Jahr ist leider mit sechs Neuzugängen und einem Emissionsvolumen von kärglichen 41,3 Mio. EUR alles andere als ermutigend. Noch nie sind so viele große Börseneinführungen abgesagt worden wie in den letzten neun Monaten. Der nun überraschende, kleinere Börsengang von Talanx sowie die jüngste Ankündigung der Hess AG, voraussichtlich noch in diesem Jahr an den Kapitalmarkt gehen zu wollen, lassen hoffen, eine Trendwende am deutschen IPO-Markt einzuleiten. Obwohl sich in den letzten Wochen das Stimmungsbild an den Aktienmarkten merklich aufhellte und der DAX sich wieder auf dem Vorkrisenniveau mit fast 7.500 Punkten befindet, bleibt die Risikoscheu der Anleger bei Aktienemissionen nach wie vor ungewöhnlich hoch. Die Performance der diesjährigen Neuzugänge gibt leider auch keinen Anlass, das Misstrauen zu zerstreuen. Dabei ist hervorzuheben, dass die negative Performance vor allem von fünf chinesischen Emittenten stammt, die bereits bei der Platzierung erhebliche Abstriche bei ihren anvisierten Platzierungsvolumen hinnehmen mussten und am Ende als Mini-Emissionen mit einem durchschnittlichen Free-Float-Volumen von weniger als 5 Mio. EUR an den Markt kamen.

Für Börsenaspiranten ist aktuell der Weg des „klassischen Börsengangs“ nur schwer gangbar. Im Gegensatz dazu befindet sich der Bondmarkt in einer sehr guten Verfassung, auf dem es momentan wöchentlich neue Ankündigungen von Erstplatzierungen mittelständischer Unternehmen gibt. Es scheint, dass die Investoren den Anleihekupon deutlich attraktiver finden als die Dividendenzahlung einer Aktie, obwohl bei Anleihen das „Upside-Potenzial“ begrenzt und das „Downside-Risiko“ unbegrenzt ist. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Unternehmen versuchen, ihren Finanzierungsbedarf mit der Emission einer Anleihe zu decken, obwohl in einigen Fällen Eigenkapital vonnöten wäre. Dass diese Eigenkapitalzurückhaltung bei Investoren nur ein europäisches Phänomen ist, zeigt die deutliche Belegung des IPO-Marktes an den amerikanischen Börsen. Nach dem „Facebook-Schock“ im Frühsommer sind IPOs wieder an der Tagesordnung und die Pipeline ist für die nächsten Wochen weiterhin gut gefüllt. Für Erstzeichner lohnt es sich bei Börseneinführungen dabei zu sein, denn in diesem Jahr liegt die durchschnittliche Erstemissionsrendite der amerikanischen Neuzugänge trotz Facebook-Desaster bei erstaunlichen 20%. Dieser Wert ist der höchste seit mehr als zehn Jahren (Quelle: Renaissance Capital)!

Wie kann der deutsche IPO-Markt wiederbelebt werden? Da die meisten Anleger aktuell viel Wert auf Sicherheit legen, sollte die Dividendenrendite in den Vordergrund rücken. Die seit Jahren in den Hintergrund getretene Vorzugsaktie könnte damit eine Renaissance erfahren, da sie zum einen eine Mindestdividende verspricht und zum anderen noch ein „Upside-Potenzial“ bereithält. Zwar verzichtet der Aktionär auf sein Stimmrecht, jedoch ist dieses Stimmrecht insbesondere bei Kleinaktionären in Bezug auf Mehrheitsverhältnisse bei börsennotierten Gesellschaften in der Hauptversammlung i.d.R. nur Makulatur. Zudem hat der Gesetzgeber eine Aktienrechtsnovelle auf den Weg gebracht, wonach die Vorzugsaktie auch ohne zwingenden Nachzahlungsanspruch begeben werden kann. Diese Novellierung des Aktienrechts macht es für mittelständische Emittenten mit Fokus auf Privatanleger und dividendenorientierte Spezialfonds attraktiver, sich mit der Vorzugsaktie näher zu befassen. Wir wünschen uns mit diesem Instrument eine Wiederbelebung des Marktes für Börsengänge, wie es Mitte der 80er schon einmal geschah.

 

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