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Mittlerweile häufen sich die Klagen von Analysten, die im Gefolge einer gutgemeinten Verkaufsempfehlung von ihrem Brötchengeber entlassen wurden. Ließ sich das bislang noch einigermaßen unter den Teppich kehren, so dient der publikumswirksame Enron-Prozeß für gefeuerte Ex-Analysten wie ein Katalysator.

Chung Wu, ehemals beim US-Investmenthaus PaineWebber angestellt, empfahl letzten August in einer eMail an ca. zehn seiner Klienten, die Aktien von Enron zu verkaufen. Eine Woche zuvor war gerade Jeffrey Skilling als CEO von Enron zurückgetreten – also der Mann, der dieser Tage vor dem Anhörungs-Kommitte aussagt, von rein gar nichts etwas gewußt zu haben. Noch am selben Tag wurde Wu entlassen. PaineWebber setzte das Enron-Rating mit „Buy“ fort.

Womit sie sich in guter Gesellschaft befanden. 10 von 15 Brokerhäusern hielten bis November hinein eine Kaufempfehlung aufrecht, zwei Wochen, bevor das Drama um den Energiekonzern publik wurde. Auch Bond-Analyst Daniel Scotto beschuldigt seinen früheren Auftraggeber, in diesem Fall eine französische Bank, ihn für seine Herabstufung auf „Neutral“ die Koffer vor die Tür gesetzt zu haben.

Ein Problem des Ellbogen-Kapitalismus, namentlich der Vereinigten Staaten? Offensichtlich nicht; auch einer der namhaftesten russischen Analysten, Eric Kraus, bekam von seinem Arbeitgeber, NIKoil, den Laufpaß. In einem aufsehenerregenden Artikel in der MoskauTimes kritisierte er Öl-Multi Sibneft. Wie sich später zeigte, führten NIKoil und Sibnefts Holding Millhause gerade Verhandlungen über einen Business-Deal.

In der Tat lastet auf Sell-Side-Analysten Druck von allen Seiten: von Investment-Bankern auf der Suche nach guten Geschäftsbeziehungen; von den Unternehmen selbst, die auf ein gutes Rating angewiesen sind (Begabe von Anleihen, etc.); von institutionellen Investoren, die natürlich nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden wollen. Druck, der ganz offensichtlich zu groß ist. Das System läßt deutlich werden, daß es primäre Aufgabe von Sell-Side-Analysten ist, diese Interessengruppen glücklich zu machen – und nicht etwa, Klienten vor vermeintlichen Kursverlusten zu schützen.

Vor diesem Hintergrund scheint der Kommentar eines Fondsmanagers äußerst aufschlußreich: „Wenn ich meine Investments basierend auf den Empfehlungen der mir bekannten Broker getätigt hätte, wäre ich schon längst nicht mehr im Geschäft…“

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.