Der Mittelstand hat der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr viel Freude bereitet. Die starke Inlandsnachfrage und das stetig wachsende Exportgeschäft haben 2007 für Zuwächse wie selten zuvor gesorgt. Auch die wirtschaftliche Zukunft beurteilt der Mittelstand recht positiv, er ist bereit zu investieren und Personal einzustellen. Weniger rosig sind jedoch die Erwartungen der Mittelstandsunternehmen an die Kreditvergabepolitik der Banken. Die aktuelle Subprimekrise, die zeigt, dass Risiko sehr wohl seinen Preis haben muss, weckt bei vielen Mittelständlern wieder die Furcht vor einer deutlich restriktiveren Darlehensvergabe durch die Kreditinstitute.

Zwar resultiert das Gros der Abschreibungen auf Not leidende Kredite im Finanzgewerbe keineswegs aus der Mittelstandsfinanzierung. Denn zum einen laufen dort die Geschäfte zurzeit im Allgemeinen gut, zum anderen haften viele mittelständische Unternehmer meist noch mit ihren privaten Vermögenswerten und agieren vor diesem Hintergrund tendenziell umsichtiger als rein angestellte Manager. Dennoch treibt die Sorge vor einer neuen Kreditklemme manche Mittelständler um. Echte Unternehmer denken eben nicht nur zukunftsbezogen in langen Fristen, sondern auch ihr Gedächtnis reicht fünf Jahre zurück – und da war die Liebe mancher Kreditinstitute zum Mittelstand doch arg erkaltet.

Im Zuge der Einführung von Basel II haben die Mittelständler von den Banken gelernt, dass Kredite risikoadäquat zu bepreisen sind. Das klingt fair: Warum sollte ein Maschinenbauer mit guter Bonität seinen Konkurrenten mit schlechterer Bonität quersubventionieren? Doch bereits vor Ausbruch der Bankenkrise im Sommer 2007 war allenthalben zu hören, dass eben diese risikoadjustierte Bepreisung bei den richtig großen Deals mit Private Equity-Gesellschaften oder Hedgefonds immer mehr aufgeweicht wurde.

Nun haben manche Banken im Zuge der Subprimekrise viel Geld verbrannt und sich damit als Lehrmeister in Sachen risikoadäquates Pricing und Risikomanagement ein eher mäßiges Zeugnis ausgestellt. Was folgt daraus für die Bereitschaft der Kreditvergabe an den Mittelstand? Viele Mittelständler sehen, grob gesprochen, zwei mögliche Entwicklungen. Szenario 1: Die Banken besinnen sich nach Ausflügen auf fremdes und teures Terrain auf die gute alte Unternehmensfinanzierung und stehen dem Mittelstand als konstruktiv-kritischer Partner weiterhin zur Verfügung. Szenario 2: Die Finanzwelt bleibt für längere Zeit vom Misstrauen der Banken untereinander geprägt, die Kreditinstitute halten „ihr Pulver trocken“, sprich: schonen ihre Eigenkapitalbasis und betreiben bei der Mittelstandsfinanzierung bestenfalls „Cherry Picking“ und ziehen sich im schlechtesten Fall daraus zurück.

Jede einzelne Bank hat es in den kommenden Monaten in der Hand, ihr langfristiges Standing beim Mittelstand zu gestalten. Wer jetzt zum Mittelstand steht, der festigt Vertrauen. Wer sich allerdings von ihm abwendet, der muss für lange Zeit nicht wiederkommen.

Dr. Hans-Gert Mayrose

(Erschienen im GoingPublic Magazin 3/2008, Seite 82)

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