Es heißt immer: „Die USA machen es vor“, und alle anderen werden dem hehren Vorbild schon nacheifern, wobei sich „alle anderen“ in der Regel auf Europa und insbesondere Deutschland bezieht. Das gilt für die Börsenentwicklung und zumindest in der Vergangenheit galt dies auch für die Tätigkeit am IPO-Markt. In den letzten Monaten dagegen zeigt sich wohl die Ausnahme der Regel. Anders als die Amerikaner kommen deutsche Emittenten über den Schock der geplatzten IPO-Blase kaum hinweg. Fehler sollen jetzt um jeden Preis vermieden werden. Einen Flop kann sich keiner leisten. Und um da auf Nummer Sicher zu gehen, läßt man es einfach ganz bleiben.

Daß das die schlechteste aller möglichen Alternativen ist, zeigt das Beispiel USA. Dort haben sich Investoren nach der Emission defensiver Werte auch wieder für Vertreter der ehemaligen „New Economy“ interessiert. IPOs aus dem Tech- und Internetbereich zählten im letzten Jahr zu den erfolgreichsten Börsengängen, wenn sie auch noch dünn gesät waren.

Die Begeisterung ist also wieder da, allein es mangelt an Objekten der Begeisterung. Vor rund vier Jahren war das kein Problem, der german „Neue Markt“ zog Investoren aus der ganzen Welt an. Den gibt es aber nun nicht mehr und auch keine IPOs. Risikofreudige Investoren dagegen sind wieder reichlich vorhanden. Deren Karawane ist deshalb weiter gezogen – und im Reich der Mitte fündig geworden. Jetzt beginnt China die Welt mit IPOs zu versorgen. Bislang wurden die zwar hauptsächlich aus dem Staatsvermögen rekrutiert. Mega-Deals wie die Börseneinführung des ehemaligen staatlichen Lebensversicherer China Life Insurance, der mit seinen 3 Mrd. US-$ zum größten amerikanischen Börsengang im letzen Jahr wurde und trotzdem am ersten Handelstag noch rund 30 % zulegen konnte, sind dafür beste Beispiele.

Aber chinesische Unternehmen aus dem privaten Sektor gewinnen zunehmend an Bedeutung. Herausstechend in diesem Zusammenhang ist der Online-Reisevermarkter ctrip.com. Obwohl ctrip.com als reinrassiges Internet-Unternehmen keineswegs zu den defensiven Werten gehört, wagte das Management ein IPO an der Nasdaq – und wurde vom Erfolg überwältigt. Es klingt wie Neuer Markt-Nachrichten vergangener Tage: Wegen der großen Nachfrage mußte die Bookbuilding-Spanne von 14 bis 16 US-$ auf 16 bis 18 US-$ erhöht werden. Trotzdem blieb die Nachfrage immens. ctrip-Anteile eröffneten am 9. Dezember bei 24,01 US-$, schossen im Tagesverlauf auf bis zu 37,35 US-$ und beanspruchen seitdem den Titel des höchsten Tagesgewinns eines IPOs seit November 2000.

War das gerechtfertigt? Zwei wesentliche Gründe gibt es, warum die ctrip-Emission zum Erfolg wurde. Das Emissionsvolumen lag mit 4,2 Mio. angebotenen ADRs sicherlich am unteren Rand der Skala, und war damit eine Engpaß-begünstigende Bedingung. Die hinreichende Bedingung für den Erfolg dagegen liegt beim Unternehmen selbst. 1999 gegründet, ist ctrip.com zu einem der führenden Vermittler von Hotelunterkünften und Flugtickets in China avanciert. Bedient werden vornehmlich einzeln reisende Geschäfts- und Privatleute. Obwohl sich der Status quo noch bescheiden ausnimmt – der Umsatz lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 12 Mio. US-$ –, leuchtet die Zukunft bereits weit voraus. Aufgrund der marktbeherrschenden Stellung liegt die Bruttorendite bei 85 %, die Nachsteuerrendite immerhin bei 27 %. Die Investoren erwarten viel, die MarketCap liegt bei mittlerweile 534 Mio. US-$, eine weitere Outperformance ist daher jedoch fraglich.

Entscheidend aber ist der Trend, den die Emission von ctrip.com eingeläutet hat. Nicht nur die „normale“ Geschäftswelt blickt nach China. Auch IPO-Investoren haben (private) chinesische Unternehmen als hoch rentables Investment entdeckt. Es bleibt also spannend, denn mit dem e-Commerce-Wert Joyo.com und dem Spezialist für Online-Spiele, Shanghai Shanda Networking, stehen bereits die nächsten Kandidaten bereit.

Die GoingPublic Kolumne erscheint zweimal wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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