Hillary Clinton verlangt von US-Präsident George W. Bush gar, die Eröffnungsfeier bei den Olympischen Spielen zu boykottieren, sollte die chinesische Regierung ihre Haltung in Menschenrechtsfragen, insbesondere im Tibet-Konflikt, nicht ändern. Würde das IOC etwas auf sich und seinen moralischen Anspruch halten, könnte der Gedanke keimen, den US-Präsidenten von der Eröffnungsfeier fernzuhalten, so lange ER seine Haltung in Menschenrechtsfragen nicht ändert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer: China sieht sich derzeit am Pranger der Weltöffentlichkeit, und das völlig zurecht. Allerdings ist die Tatsache, dass Tibet widerrechtlich annektiert wurde, im Land Menschenrechte nicht eben Priorität genießen, das Internet und die Medien zensiert werden und Rechtstaatlichkeit kaum zu den herausragenden Merkmalen des Reiches gehört, alles andere als neu. Man hätte sich also schon früher echauffieren können. Bloß wie? Ständig den Dalai Lama zu empfangen, nutzt sich irgendwann ab. Da kommt Olympia gerade recht. Man sollte die nächste verfügbare Fußball-WM und die Weltausstellung schnellstmöglich nach China vergeben.

In der Vergangenheit griff der Westen zur Not auf Wirtschafts-Sanktionen zurück, um seine Ansichten zu verdeutlichen. Das klappt mit Kuba und dem Iran so-la-la. Mit Kuba noch eher, weil die kein Öl haben. Aber China und Sanktionen? Das rechnet sich nicht wirklich. Insofern sind die aktuellen Proteste und Boykottchen-Drohungen hinreichend heuchlerisch. Daniel Cohn-Bendit brachte es auf den Punkt: Im Prinzip sei Frankreich ja Heimat der Menschenrechte. Aber nur solange man keine Züge, Atomkraftwerke oder Chemieanlagen verkaufen wolle.

Auch hierzulande sollte man ehrlich mit sich selbst sein: Gerade in den Wirtschaftsbeziehungen mit China gilt der abgewandelte Brecht-Spruch: Erst kommt das Business, dann die Moral. Das ist nicht zynisch, sondern realistisch, sozusagen der real existierende Zynismus. Prinzipiell könnte man sich über Vieles in vielen Ländern echauffieren. Allein: Es nutzt nichts. Von daher sollten Politiker den Ball in Sachen Boykott und diversen Drohungen flach halten. Bleibt nur der allgemeine Trost für das malträtierte Gewissen: Bislang war die Strategie des „Wandel durch Handel“ noch immer die mit Abstand effizienteste Methode. Aber deren diskreter Charme braucht seine Zeit.

Stefan Preuß

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