Mr. Lay ist der sechste High Official des bankrotten Enron-Konzerns, der von nichts gewußt und auch von nichts nur eine leise Ahnung gehabt haben wollte. „Kenny-Boy“, wie er von seinem Vertrauten George W. liebevoll genannt wurde (allerdings nicht mehr in letzter Zeit, jetzt wieder „Mr. Lay“), war der aktuellste Vorstandsvorsitzende des US-Energieversorgers, der am 2. Dezember unter großem Pressetrubel die Insolvenz erklären mußte.

Die Vorstellung von Lay und Co. muß auf die von der Enron-Pleite Geschädigten (Angestellte, Aktionäre) wie ein weiterer Schlag ins Gesicht wirken. Auf „Drängen seiner Anwälte“ berufe er sich auf sein verfassungsmäßiges Recht zur Verweigerung der Aussage, so Lay bei der Anhörung. Um sich nicht selbst zu belasten, was er aber nicht eigens hinzufügte.

Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus entgegnete Senator John McCain, Mitglied des Komitees: „Ich bedaure zutiefst, daß Sie die Wahl getroffen haben, diesem Komitee, der amerikanischen Öffentlichkeit und Ihren ehemaligen Angestellten nicht erklären zu wollen, wie Sie und der Rest des Managements so offensichtlich bei der Wahrnehmung Ihrer Verantwortung gescheitert sind.“

Jeffrey Skilling, ebenfalls ein Ex-Vorstandsvorsitzender von Enron, war bislang der einzige Befragte, der eine Aussage machte. Doch was dabei herauskam, war in etwa genauso aussagekräftig wie eine Verweigerung der Aussage. Er sei sich absolut keiner Schuld bewußt noch habe er von Finanzunregelmäßigkeiten auch nur etwas geahnt oder gar daran teilgehabt. Doch das mochte sogar seine 77jährige Mutter nicht glauben: „Wenn Du Vorstandsvorsitzender oder im Aufsichtsrat bist, solltest Du wissen, was im Rest des Unternehmen vorgeht!“ Das hätte man ihm vielleicht schon vorher mal erklären sollen.

Washingtons Polit-Spektakel wird die erwartete Farce werden. Abgesehen davon, daß nicht weniger als 13 separate Komitees ein Auge auf den Enron-Fall werfen, sollen oder müssen annähernd 3.000 Tochtergesellschaften bzw. enge Partner von Enron unter die Lupe genommen werden. Dies um so mehr, als ja von den Verantwortlichen nichts zur Aufklärung beigetragen wird. Man darf sich also darauf gefaßt machen, daß sich die Vorstellung über Jahre erstrecken wird. Ob und wer dann zur Rechenschaft gezogen wird – und ob das dann überhaupt noch jemanden interessiert – steht in den Sternen.

Die derzeitige Situation ähnelt dem sogenannten Gefangenen-Dilemma, bekannt aus der Spieltheorie. Angeklagte werden dabei unabhängig voneinander befragt. Wenn jeder einzelne seine Schuld abstreitet, kann mangels Beweisen nichts Handfestes unternommen werden. Tritt einer der Beschuldigten dagegen als Kronzeuge auf, geht er straffrei aus, während seine Mitstreiter verurteilt werden können. Problematisch wird es, wenn mehrere „weich“ werden und aussagen. Dann gibt es keine Kronzeugenregelung, und alle werden gemäß Anklage bestraft. Bislang scheint es so, als hätte sich die einstige Führungsregie von Enron sehr zuverlässig und einvernehmlich abgesprochen. Man darf gespannt sein, ob einer der Beklagten im Laufe der zermürbenden Prozesse „umfällt“ und damit – siehe oben – der amerikanischen Öffentlichkeit und den ehemaligen Angestellten einen Gefallen erweist.

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

Print Friendly, PDF & Email

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.