Amerikaner, Japaner, Australier, Italiener, Deutsche, usw. praktizieren – Hopfen sei Dank – eine Völkerverständigung, die alle bisherigen Resultate diesbezüglicher Bemühungen auf politischer Ebene verblassen lassen. Doch wer glaubt, nur auf dem Oktoberfest gehe es heiß her, der sollte einen Blick auf den Neuen Markt in Frankfurt werfen. Dort nämlich lädt Gigabell ein – zur Achterbahnfahrt ohne Bremsen!

Es ist noch gar nicht lange her, daß die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PWC) acht Internetfirmen des Neuen Marktes das baldige finanzielle Garaus attestierte. Da PWC keine Namen genannt hatte, überboten sich verschiedene selbsternannte Börsen-Gurus mit zweifelhaften Auflistungen gefährdeter Unternehmen.

Wer aber schließlich den Anfang beim Abgang machen würde, war ungewiß – bis jetzt! Seit Freitag steht der traurige Gewinner fest. Es ist die Gigabell AG. Der Vorstand des Frankfurter Unternehmens mußte beim zuständigen Amtsgericht die Eröffnung des Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit beantragen.

Was war passiert? Die Finanznot konnte schon nach dem Ende des ersten Quartals nicht mehr von der Hand gewiesen werden. Da lag die Liquidität noch bei 10,3 Mio. Euro – bei einem Umsatz für die ersten drei Monate von 5,6 Mio. Euro und einem gleichzeitigen Fehlbetrag von 5 Mio. Euro. Der Vorstandsvorsitzende Daniel David erklärte damals gegenüber GoingPublic, daß „das Ruder aus eigener Kraft nicht mehr rumzureißen“ sei. Den Ausweg sah der Internet Service Provider (ISP) in der Finanzspritze einer angelsächsischen Investorengruppe, die als potenter Investor Gigabell mit 24,5 Mio. Euro unterstützen wollte. Wie gesagt, „wollte“, denn mit der Zahlung sind die Angelsachsen in Verzug geraten und gaben den Frankfurtern damit den vorläufigen Todesstoß.

Trotzdem plant der Gigabell-Vorstand das Fortführen der Gesellschaft. Ob das – sollte dies Vorhaben in die Tat umgesetzt werden – aber die richtige Entscheidung ist, muß bezweifelt werden, denn am Markt der Internet Service Provider weht ein rauher Wind. Große Player wie T-Online können im Gegensatz zu Gigabell auf die Rückendeckung einer finanzkräftigen Mutter zählen.

Die Überlebenschance von Gigabell steht und fällt letztlich mit dem Einspringen eines finanzstarken strategischen Investors. Verhandlungen mit großen ISPs wie der italienischen Tiscali oder der schwedischen Telia waren in der Vergangenheit aber ergebnislos geblieben, und solange die Angelsachsen nicht zahlen, steht Gigabell vor dem Aus.

… und die Moral von der Geschicht`? Die 1.000 %-Chance und der Totalausfall liegen am Neuen Markt nicht sehr weit auseinander. Die erste Zahlungsunfähigkeit war nur eine Frage der Zeit. Wirklich unangenehm ist der Untergang Gigabells nur für diejenigen, die bis zuletzt investiert waren. Vom Kurshoch bei rund 130 Euro sind bis dato 679 Mio. Euro an Kapital vernichtet worden. Dagegen wirken die 154 Mio. Euro gerechnet vom Emissionspreis bei 38 Euro schon fast wie Peanuts! Selektion bleibt ein Muß für jeden, der am Neuen Markt investieren möchte, denn Gigabell war zwar das erste, aber sicherlich nicht das letzte Unternehmen, das den Selektionsprozeß des Marktes nicht überlebt!

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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