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Doch während der Schweizer Softwarehersteller Miracle seine Mitarbeiter entläßt und den Geschäftsbetrieb einstellt, sichert beim Frankfurter Internet Service Provider ein strategischer Investor zumindest die Arbeitsplätze. Für 5 Mio. Euro übernimmt die finnische Jippii Group den mehrheitlichen Anteil am operativen Geschäft der Gigabell AG. Die Schulden von ca. 25 Mio. Euro verbleiben jedoch im Unternehmen und sind Gegenstand des Insolvenzverfahrens, das voraussichtlich noch im November beginnen soll. Über den zukünftigen Geschäftsgegenstand von Gigabell vermochte Insolvenzverwalter Dirk Pfeil noch nichts zu sagen. Vielleicht ist die Anregung einiger Chatboard-Teilnehmer, Christbaumkugeln zu vertreiben, nicht ganz weit hergeholt, da das Weihnachtsgeschäft ja unmittelbar bevorsteht. Spaß beiseite, die Tage des David-Unternehmens am Neuen Markt sind gezählt, das Delisting der Aktie nur noch eine Frage der Zeit.

Aber, keine Angst, es gibt noch weitere „Wackelkandidaten“: Brain International, Infomatec, LetsBuyIt.com – die Liste ist lang und wird in den kommenden Monaten sicher noch um einige Namen anwachsen. Zudem sind gerade in jüngster Zeit noch einige Start-ups an den Neuen Markt geschlüpft, denen ohne den Börsengang möglicherweise in naher Zukunft Cash ausgegangen wäre. Ein riskantes Investment verspricht auch Dica Technologies zu werden, die noch bis zum 3. November gezeichnet werden können: In diesem und den kommenden beiden Jahren sollen nach den Planzahlen des Unternehmens insgesamt 85 Mio. Euro an Verlusten anfallen. Aus dem IPO wandern bis zu 32,1 Mio. Euro in die Taschen der Altaktionäre, dem Unternehmen fließen jedoch nur maximal 61,6 Mio. Euro zu. Die nächste Kapitalerhöhung könnte daher bereits Ende nächsten Jahres ins Haus stehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Welche Konsequenzen zieht der Anleger? Je länger sich die Schwächephase an den Börsen hinzieht, desto schwieriger wird es indes für junge Wachstumsunternehmen sein, sich „fresh money“ über den Kapitalmarkt zu besorgen. Auch für die Emissionshäuser und Venture Capitalists ist es derzeit schwierig, ihre Kandidaten am Markt zu plazieren – die Zeiten, in denen Neuemissionen wie warme Semmeln weggingen, sind vorbei. Die Marktbereinigung hat daher auch ihr Gutes: Nicht mehr jede Story läßt sich den Anlegern so ohne weiteres verkaufen. Wenn die Facts nicht stimmen, wird der Börsengang zum Vabanque-Spiel! Selbst eine Borussia-Aktie hat daher mangels plausibler Planzahlen bei den privaten Anlegern nicht den erwarteten Zuspruch gefunden: Nur 25 % der 15 Mio. Aktien konnten bei Kleinanlegern untergebracht werden, geplant hatte das Management mit einer Größenordnung von über 40 %. Diese Tatsache sollte auch die letzten Idealisten unter den Emissionsbegleitern nachdenklich stimmen.

Allerdings schrecken auch potentiell gute und interessante Börsenkandidaten momentan vor dem IPO zurück. Manche von ihnen, wie 12snap, besorgen sich derzeit lieber noch einmal Kapital von ihren VCs, als den Schritt auf das glatte Parkett zu wagen. Andere junge Start-ups schlüpfen noch rechtzeitig unter die Fittiche eines großen Konzerns, wie der Online Incentive-Anbieter webmiles.de, an dem sich Bertelsmann jüngst mit 70 % eingekauft hat. Dabei ist dieser Deal nicht einmal die schlechteste Alternative: Zumindest erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, die nächsten Jahre zu überstehen, überproportional. Und der Kapitalmarkt bzw. unzureichend informierte Anleger werden nicht mehr länger als Venture Capitalists mißbraucht, wie dies im einen oder anderen Fall geschehen sein mag.

Wagniskapitalanlage sollte Investoren wie VCs, Beteiligungsgesellschaften, Business Angels oder Corporate Ventures vorbehalten bleiben, die sich entsprechend absichern und refinanzieren können. In der Vergangenheit war leider der Deal Flow häufig das entscheidende Kriterium und weniger die Qualität. Das eine oder andere Haus hat jedoch glücklicherweise bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es heißt, Flops am laufenden Band zu produzieren: Der Ruf leidet, und die Nachfrage der eigenen Kunden nach weiteren Emissionen sinkt! Dies kann sicher nicht im Interesse einer seriösen Emissionsbank sein. Die Botschaft kann daher nur lauten: Ein Unternehmen, dessen Überlebenschancen bei maximal 50:50 stehen, hat nichts am Neuen Markt verloren!

Der schon häufig geäußerte Appell an die Verantwortlichen der Deutschen Börse AG und der Emissionshäuser, wieder mehr Vernunft walten zu lassen, findet hoffentlich bald Gehör. Die nächsten Börsengänge werden zeigen, ob die Big Player am Neuen Markt weitere Pleiten von vorneherein vermeiden helfen und der Neue Markt endlich langsam erwachsen wird.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.