Mittlerweile haben wir die Rechnungspraktiken der deutschen Staatsbahn (jaja, pardon, privatwirtschaftliche Bahn AG mit einem 100 %-Aktionär) durchschaut. Die Bahn wird hauptsächlich dann auf langen Strecken billiger, wenn man nur die Normalpreise betrachtet. Wer hat früher schon Normalpreise bezahlt? Der spontane Gelegentlich-Fahrer, für den sich die Bahncard nicht lohnte. Und bei wenigen weiten Fahrten lohnte sie sich bereits.

Jetzt, wie wir staunend erfahren, kann man ja mit Vorausbuchung, Zugbindung etc. viel mehr sparen, wenn, ja wenn man einen der wenigen Billigplätze ergattert. Hat da jemand „Alibiplätze“ gesagt? Pfui, schämen Sie sich, Frau Schlau oder Herr Zeigefinger oder wie immer Sie auch heißen mögen, und machen Sie nicht das Jahrhundert(mach)werk der Bahn-Tarifstrategen schlechter, als die Stimmung der Wirtschaft eh schon ist. Dafür sponsorn Sie immerhin einen kleinen Bevölkerungsanteil, der mehr Zeit hat als Sie. Nennen Sie es „Solidarbeitrag“ und freuen Sie sich ob Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Außerdem hat niemand behauptet, die Tarifreform sei ein Nullsummenspiel. Natürlich will die Bahn mehr Umsatz machen als vorher – nach Abzug der Marketingaufwendungen für die neuen Tarife. Sollte es wirklich gelingen, die Bilanz der Bahn AG halbwegs zu sanieren, dann wird die andere Hälfte mit Kosmetik à la Deutsche Telekom-Immobilienbewertung gemacht und das Ganze während der nächsten Börsen-Hausse in 2008 beim deutschen Volk plaziert. „Die Aktie Rot“, und darauf Put-Optionen kaufen – das wird ein Spaß!

Heute, lieber Fahrgast, verpassen Sie Ihren Zug nicht mehr wegen der langen Schlange am Fahrkartenschalter, sondern weil der Touch-Screen des Automaten irgendwie falsch gepolt und entsprechend unsensibel ist. À prospros unsensibel: Wer nicht bereit ist, Solidarität mit der maroden Bahn AG und den Billigtarif-Profiteuren zu zeigen, kann sich vielleicht anders behelfen: Statt Hin- und Rückfahrt eine einfache Dreiecksfahrt „via Zielort“ buchen. Denn eine lange Strecke ist künftig billiger als die Summe zweier kurzer Strecken.

Beim Fliegen ist die billigste Hin-/Rückverbindung oft genug und perverserweise auch die „Überkreuzbuchung“ zweier Flugpaare mit Wochenendbindung, von denen nur eine Hälfte benutzt wird.

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Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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