Man kann die verschiedensten Statistiken mit verschiedenen Ausprägungen heranziehen, eines bleibt unbestritten: Vom Aufschwung der vergangenen Jahre haben Reiche deutlich mehr profitiert als Arme. Das ist keine neue Erkenntnis, in Zeiten billigen Geldes, boomender Wirtschaft und – in später Phase – liquiditätsgetriebener Aktienmärkte, profitieren jene, die etwas zum Anlegen haben, überproportional. Die Umverteilung von unten nach oben fiel in den USA zwar noch krasser aus als hierzulande, das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, greift aber auch in der Bundesrepublik um sich.

Verteilungskämpfe haben potenziell etwas Lähmendes. Um so mehr kommt es darauf an, die Situationen angemessen zu lösen. Hier darf der Bahn weitreichendes Versagen attestiert werden. Das Duo Mehdorn/Suckale hat auch die letzten Zweifel ausgeräumt, dass die Bahn zumindest unter dieser Leitung nichts an der Börse verloren hat. Was die Auseinandersetzung lehrt: Die Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite dürfen die Grundstimmung bei den Arbeitnehmern nicht unterschätzen. Und diese Grundstimmung sagt: Nachholbedarf. Wer in der jetzigen Diskussion nach alter Väter Sitte behauptet, es gebe nicht viel zu verteilen, wird die Streikbereitschaft nur erhöhen.

Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die Lohnkosten der Unternehmen deutlich steigen. Dazu tragen nicht nur die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten bei, sondern auch die Akademiker. Ingenieure und Informatiker konnten in den vergangenen Monaten deutlich höhere Einstiegsgehälter verbuchen, was das gesamte Lohngefüge nach oben hievt. Gleichzeitig holen immer mehr Unternehmen die Produktion aus dem Ausland zurück, weil sich in vielen Fällen die Verlagerung aufgrund mangelnder Produktivität nicht gelohnt hat. Das sorgt für zusätzlichen Druck auf dem Markt für qualifizierte Facharbeiter.

Ob diese Entwicklung durch weitere Produktivitätsgewinne ausgeglichen werden kann und sich damit die günstige Entwicklung bei den Lohnstückkosten fortsetzt, darf bezweifelt werden. Der Lokführerstreik sorgt daher für einen klaren Fingerzeig: Gewinnmargen zumindest in lohnintensiven Branchen könnten im kommenden Jahr unter Druck geraten.

Stefan Preuß

Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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