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Die Seite eines Internet-Emissionshauses wird aufgerufen, die Diskette in das Laufwerk eingeschoben und nervöse Blicke wandern zwischen Monitor und Funkuhr hin und her. Es ist Zeichnungszeit in einem vom Emissionsfieber gepackten Land.

Viele Anleger sind frustriert, bei solch erfolgreichen Börsengängen wie Openshop (Zeichnungsgewinn 96 %), TV-Loonland (160 %) oder Biodata (433 %) bei ihrer Hausbank keine Zuteilung erhalten zu haben. Denn dort entscheidet meist das Los, welcher Zeichner innerhalb weniger Tage sein Geld auf wundersame Weise vermehren darf. Eine Alternative dagegen ist das Zuteilungsverfahren, das seit gut einem Jahr via Internet auf dem deutschen Emissionsmarkt nach dem Motto “wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ praktiziert wird. Doch nicht nur der zeitliche Eingang ist hier relevant. Der Anleger muß sich über das Unternehmen informieren und einen Fragebogen ausfüllen. Wer schnell genug ist und auch noch die richtigen Antworten weiß, darf sich bald stolzer Besitzer einer kleinen und vielleicht feinen Menge von Aktien nennen.

Doch zurück zu unserem Gegenüber. Mittlerweile ist es 30 Sekunden vor 11 Uhr, ein Orderformular wurde ausgefüllt, ein PIN eingegeben und der Mauszeiger schon mal auf das endgültige Freigabefeld plaziert. Dann ist es soweit. Der Sekundenzeiger läutet den 10-Sekunden-Countdown ein, die Order wird endgültig freigegeben. Natürlich schon etwas vor dem offiziellen Zeichnungsbeginn, denn der wahre Internet-Zeichner kennt genau die Übertragungszeiten für seine Daten zum Zeichnungsrechner und schaltet die Order dementsprechend früher frei. Hier stimmt noch das alte Sprichwort: time is money, Zeit ist Geld. Nach der Freigabe erscheint, wenn alles glatt läuft, eine kurze Mitteilung “Zeichnung erfolgreich übermittelt“. Danach heißt es warten, bis die Zeichnungsfrist beendet ist und die Zuteilung bekannt gegeben wird. Weitere zwei, drei Tage später liegen die Aktien dann im Depot der Hausbank.

Mittlerweile ist ein richtiger Kult um die Zeichnung via Internet entstanden. In den Diskussions-Boards finden sich nach jeder Aktien-Emission hunderte von Beiträgen, in denen sich erfolglose Zeichner mit Glückspilzen unterhalten und danach die Welt nicht mehr verstehen. Von Schieberei, falscher Uhrzeit und Veräppelung ist da die Rede. Beleidungen, Schimpfwörter und niveaulose Diskussionen können dort verfolgt werden. Diesen meist sehr unsachlich gehaltenen und emotionsgeladenen Beiträgen stehen dann aber auch wertvolle Postings mit Tips, Erklärungen und Ratschlägen gegenüber.

Durch einen Fragebogen sollen informierte Anleger gewonnen werden, die nicht nur das schnelle Geld, sondern auch eine längerfristige Anlage suchen. Durch die Zeitkomponente soll sich die übermäßige Nachfrage besser aufteilen lassen. Die Aufteilung in Altersklassen sorgt beim Alterskriterium für eine ausgeglichene Aktionärsstruktur. In der Praxis allerdings läuft durch die enorm große Nachfrage und die Reduzierung der Zeitkomponente auf wenige Sekunden dieses Verfahren wieder auf eine Art Glückspiel hinaus. Besser wäre hier ein System, wie es in den USA Wit Capital anwendet: erfolgreiche Zeichner, die ihre Aktien längerfristig halten, werden bei den nächsten Emissionen bevorrechtigt. Damit wird die Vergabe an Zocker vermieden und ein Anreiz für ein langfristiges Investment geschaffen.

Informationen über die verschiedenen Zuteilungsverfahren finden Sie auch in der GoingPublic-Kolumne vom 20. März „IPO-Zuteilung oder: Warum Ihr Meerschweinchen keine Infineon-Aktien abbekommen hat!“

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.