Die internationalen Aktienmärkte spielen derzeit den Aufschwung. Seit den Tiefs vom 21. September geht es steil nach oben. Der Tiefpunkt der Rezession sei in den USA erreicht, heißt es als Begründung. Die ersten Frühindikatoren deuten auf ein Wiederaufleben der Konjunktur in den USA, und schon scheint jede Skepsis wie ausgelöscht. Jetzt geht es allen nur noch um die richtige Asset Allocation: Rein in den Aktienmarkt und die besten Zykliker gekauft, denn die wirtschaftliche Erholung kommt ja ganz bestimmt. Mit dem neuen Optimismus haben die Märkte wieder Niveaus erreicht, die von Ausverkaufspreisen weit entfernt sind. Das Gros setzt kompromißlos auf ein deutliches Aufleben der amerikanischen Leitkonjunktur.

Zu Recht, könnte man meinen. Die Amerikaner haben schließlich alles getan, um ihrer Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Die US-Notenbank senkte den Leitzins elfmal im letzten Jahr auf den tiefsten Stand seit 40 Jahren. Auch fiskalpolitisch wird hart angepackt. Unter dem Druck der Krise wurden Teile der langfristig angelegten Steuerreform von Präsident Bush vorgezogen. Schon im Sommer verschickte die Regierung Schecks an die Bürger, um den Konsum anzukurbeln, der in den USA für 2/3 der Wirtschaftsleistung verantwortlich ist. Nach dem 11. September folgten neue Ausgabenprogramme. Ein weiteres Konjunkturpaket liegt noch im Kongreß auf Eis. Alles in allem soll das 2002 für einen fiskalischen Impuls von stolzen 2 % des BIP sorgen.

Die Leute sollen kaufen, das ist das Ziel aller Bemühungen – fiskalisch wie monetär. Und in der Tat: Die Amerikaner konsumieren trotz Wirtschaftsflaute freudig weiter. Was hilft, ist allerdings weniger die Steuerrückerstattung als vielmehr die „Konsumwunderwaffe“ der 90er Jahre – die Kreditkarte. Sie hilft dabei, über die knappen Kassen hinwegzutäuschen. Das eigene Haus, Autos und andere Dinge dieser Größenordnung werden gekauft, als ob es nie eine Rezession gegeben hätte. Angeheizt durch günstige Sollzinsen haben Verbraucherkredite zum Ende des dritten Quartals 2001 ein rekordverdächtiges Niveau von 7,5 Billionen US-$ erreicht.

So positiv dieser konjunkturelle Impuls kurzfristig auch zu werten ist, längerfristig könnte er zur ernsten Gefahr des nächsten Aufschwungs werden, denn der Anteil des verfügbaren Einkommens, das zur Schuldentilgung aufgewendet werden muß, wächst. Für den Konsum bleibt immer weniger. Momentan müssen durchschnittlich 14 % des verfügbaren Einkommens an die Bank weitergereicht werden. Tendenz steigend. Für manch einen Ökonomen schon jetzt ein Mißverhältnis. Mit einem Anstieg der Leitzinsen, der über kurz oder lang kommen muß, könnte die Zinslast derart wachsen, daß der positive Effekt der fiskalischen Impulse konterkariert wird. Der in die Gegenwart transferierte Konsum könnte dann in der Zukunft fehlen und die Wirtschaft am neuen Wachstum hindern.

Die Börse neigt zu überschäumenden Emotionen, das ist gemeinhin bekannt. Die Möglichkeit eines weniger stark als erhofften bzw. verspäteten Aufschwungs scheint die Mehrheit an den Finanzmärkten momentan nicht in Betracht zu ziehen. Wer allerdings neue Enttäuschungen vermeiden will, der tut gut daran, auch das Worst Case-Szenario zu berücksichtigen.

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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