Die Entwicklung des Rohölpreises gehört zu den großen Mysterien des Heute. Die grundlegende Regel vom Angebot und der Nachfrage gilt nur bedingt, auch wenn die Volkswirte argumentieren, dass die Nachfrageelastizität des Energieverbrauchs relativ gering ist und daher kleinere Änderungen im Angebot den Preis stark schwanken lassen. Komischerweise gilt das offenbar nur für Preissteigerungen.

Doch häufig bedarf es gar keiner realen Änderungen bei Förderung oder Verbrauch mehr. Aktuell wird in Marktberichten gerade die Krise um die 15 verschleppten britischen Seeleute als Begründung genannt, weshalb der Preis für das Barrel an die 70 US-$ kletterten. Man könne nicht abschätzen, wie die Auseinandersetzung mit dem Iran eskaliere. Hoffnungen auf eine diplomatische Lösung werden dann wieder herangezogen, wenn der Preis um einige Cents fällt.

Zuvor war es der schwelende Konflikt um das Urananreicherungsprogramm des Landes, der für die Steigerungen verantwortlich gemacht wurde. Das Problem ist in den Nachrichten nun zwar weiter nach hinten gerückt, aber noch immer so ungelöst wie zuvor. Wird hier die Angst um den Ausfall einer gewissen Fördermenge zweimal eingepreist?

Gerne wird auch das Wetter zur Begründung der einen oder anderen Preisbewegung herangezogen. Erst war Kommentaren zufolge der ungewöhnlich milde Winter in Nordamerika für den Preisverfall maßgeblich, dann reichte schon eine Wettervorhersage, die deutlich kühleres Wetter in der kommenden Woche prognostizierte, um den Trend zu drehen. Der Norden der USA sei die Region mit dem weltweit höchsten Heizölverbrauch, hieß es. Klimatechnisch betrachtet spricht die globale Erderwärmung in dieser Logik eher für sinkende Rohölpreise. Allerdings: Erderwärmung spricht tendenziell für eine aufregende Hurrican-Saison…

Politische Instabilität in Nigeria, ein bevorstehender Streik in Venezuela, ein Anschlag auf eine Pipe-Line oder eine Raffinerie, Engpässe der Werften beim Bau neuer Supertanker oder auch die generelle Endlichkeit der Reserven – an Begründungen für Preisbewegungen hat es noch nie gemangelt, und jeden Tag wird eine andere Sau durch das Dorf getrieben. Richtig überzeugen können die Erklärungen in den seltensten Fällen, zumal wenn monokausale Muster bemüht werden. Viel mehr könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Marktteilnehmer angesichts der hohen Volatilität zunehmend nervöser werden, was wiederum die Volatilität befeuert, denn nichts sorgt mehr für Schwankungen als zuckende Hände.

Alles in allem lässt sich sagen: Die Nervosität und die Wahrscheinlichkeit unvorhersehbarer Ereignisse sind so hoch wie nie zuvor. Das bedeutet: Angst und Unsicherheit. Beides sind geradezu Garanten für weiter steigende Rohölnotierungen – völlig ungeachtet der einzelnen Begründungen für einzelne Kursbewegungen, die in Summe kaum mehr als ein Dokument gewisser Hilflosigkeit und Erklärungsnotstandes sind.

Stefan Preuß