Die Börsenteilnehmer würden die Ergebnisse der Bundestagswahl bestimmt nicht goutieren, ließen die üblichen Verdächtigen noch am Wahlabend wissen. Der Dax, kein Zweifel, werde unter Druck geraten. Reformstau, Sie wissen schon. Wer dran glaubte, warf mal gleich ein paar Stücke auf den Markt, von Gewinnmitnahmen ist schließlich noch nie jemand direkt ärmer geworden – um dann zuzusehen, wie sich die Kurse wieder berappeln.

Am Dienstag stand schon wieder ein schönes Plus von einem Dreiviertel Prozent auf dem großen Scoreboard. Offensichtlich hatte sich eine andere Erkenntnis durchgesetzt: Warum sollte es den Vorständen der Dax-Unternehmen ausgerechnet jetzt nicht mehr egal sein, wer unter ihnen Kanzler ist?

8,7 % Stimmenanteil für die Linkspartei würden vor allem ausländische Kapitalanleger nachdenklich machen, lautete eine weitere Einschätzung. Als ob die nicht ermessen könnten, daß Gysi, Lafontaine & Co. in einem Paralleluniversum argumentieren, immerhin wissend, daß eine Regierungsbeteiligung für alsbaldige Ernüchterung sorgen würde. Weswegen jegliche Machtteilhabe weit fortgeschoben wird. Keine Gefahr also.

Die Sache mit dem Paralleluniversum haben sich die Wir-predigen-Wein-Linken ohnehin bei den Unternehmen abgeguckt, denn die sind aktuell geradezu Meister der Schizophrenie: Es werden hinreichend penetrant der Standort Deutschland schlecht gemacht und gleichzeitig goldgeränderte Bilanzen vorgelegt. Wobei die Gewinne durchaus auch im Inland anfallen, bilanztechnisch in erheblichem Umfang aber ins Ausland verlagert werden, um Steuern zu sparen. Bitterliches Klagen kann also nicht als eine Begründung für ein baldiges allgemeines Ab ermessen werden.

Von besonderem Charme sind auch stets die Begründungen von Kursschwankungen, die durch Director’s Dealings hervorgerufen werden: Der Chef verkaufe nur, um einen größeren Betrag zu spenden. Oder um sich ein Haus zu kaufen. Oder um die Ehefrau auszuzahlen. Was hat man nicht alles schon an herzzerreißenden Stories gehört.

Fazit: Anleger sollten sich nicht von wohlformulierten Begründungen beeinflussen lassen, sondern auf Fakten, Fakten, Fakten schauen. Vor allem politische Börsen haben kurze Beine und sind so gesehen eine prima Möglichkeit für antizyklische Trader, ein paar Prozent extra zu machen. Das gilt auch dann, wenn CDU-Chefin Angela Merkel tatsächlich eine Regierung jenseits der Großen Koalition zustande bringen sollte: In den Tag danach kann man gut einige Stücke geben – ohne Unternehmensnachrichten bekommt man sie die Woche darauf wieder günstiger.

Stefan Preuß

Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

 

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