Nun ist es zwar nicht die Aufgabe der Zentralbank, den Außenwert einer Währung zu steuern. Sie soll vielmehr auf das geldpolitische Gleichgewicht achten und mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Teuerung innerhalb des Währungsraumes Einhalt gebieten. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Durch den hohen Dollar-Wechselkurs steigen die Importpreise für so wichtige Güter wie Rohöl, Edelmetalle und andere Rohstoffe, aber auch für Basistechnologien wie Computerchips und Software, die für eine moderne Dienstleistungsgesellschaft unerläßlich sind. Eine Zinserhöhung scheint daher auf den ersten Blick geboten, um die daraus resultierende importierte Inflation zu bremsen.

Erhöht die EZB auf ihrer heutigen Sitzung allerdings die Zinsen, so ist dies nach Ansicht einiger Marktteilnehmer schlecht für den Euro, da die gerade erst aufkeimende Konjunktur wieder abgewürgt zu werden droht. Behält sie den bisherigen Refinanzierungssatz bei, so bleibt die europäische Währung ebenfalls schwach, da sich die Zinsdifferenz zu den USA dann nicht weiter verringert. Auch kann eine Zinserhöhung das Grundproblem steigender Rohstoffpreise nicht beseitigen, sofern die Stimmung am Devisenmarkt weiter gegen einen nach außen hin starken Euro spricht. Dieses Problem konnten auch die bisherigen vier  Leitzinserhöhungen innerhalb letzten vier Monate nicht beseitigen. Erst wenn die internationalen Kapitalströme den Euro-Raum wiederentdecken, wird sich der Außenwert der Währung erholen und zu einer Verbilligung der Importe beitragen. Voraussetzungen dafür sind eine gesunde Konjunktur und stabile politische Rahmenbedingungen.

Insgesamt sind die Aussichten für Euroland weiterhin gut: Zum ersten Mal seit mehreren Jahren wird ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von über 3 % für den gesamten Euro-Raum erwartet. Deregulierungen, Steuerentlastungen sowie eine moderate Lohnpolitik bieten ideale Voraussetzungen für ein beschäftigungsintensives und inflationsfreies Wachstum. Im historischen Vergleich ist das Zinsniveau weiterhin niedrig, auch wenn man nicht mehr von einer expansiven Geldpolitik sprechen kann. Da sich insbesondere die Unternehmen der New Economy in erster Linie über Eigenkapital refinanzieren, nimmt die Bedeutung von Anleihen für langfristige Investitionen in diesem Marktsegment tendenziell ab. Hohe Cashbestände von bereits börsennotierten Start-ups machen die jungen Unternehmen darüber hinaus unabhängig von kurzfristigen Finanzierungssätzen. Die gerade am Neuen Markt zu beobachtende abnehmende Korrelation zum Rentenmarkt ist daher auch aus ökonomischer Sicht plausibel.

Weitere Zinserhöhungen der EZB bremsen jedoch das Wachstum der Old Economy-Unternehmen bzw. solcher Firmen, die sich durch einen hohen Fremdverschuldungsgrad auszeichnen. Folge wäre eine verringerte gesamtwirtschaftliche Investitionsnachfrage sowie reduzierte Gewinnerwartungen. Gerade die Telekommunikationskonzerne, die ihre hohen Investitionen in die UMTS-Technik über die Ausgabe von Anleihen refinanzieren, wären daher von einem anstehenden Zinsschritt betroffen. Die Anreize für ausländische Investoren, in die Aktien dieser Firmen zu investieren, würden sinken. Ein zu großer Zinsschritt wäre daher gegenwärtig das falsche Signal, zumal der Aktienmarkt sich nach dem Einbruch im Frühjahr gerade erst wieder zu erholen beginnt.

Eine Entscheidung mit Augenmaß ist daher angeraten. Auch wenn sich gegenwärtig schon abzeichnet, daß der Niederländer Wim Duisenberg noch einmal an der Zinsschraube drehen wird, um etwaigen Inflationsrisiken vorzubeugen, so sollte er bedacht sein, das Rad in Zukunft nicht zu überdrehen.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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