Die für die Bilanzierung von US-Unternehmen zuständige Behörde FASB hatte Mitte der 90er Jahre festgelegt, daß Unternehmen ihre Aufwendungen für Mitarbeiter-Stock Options entweder als Fußnote in ihren Bilanzen ausweisen müssen oder aber ganz regulär mit den operativen Gewinnen verrechnen können. Doch im S&P 500 machten von der letzten Variante – de facto nur eine „Empfehlung“ – aktuell nur ganze zwei Gesellschaften Gebrauch: Boeing und Dixie Stores.

Eine Vereinigung der wichtigsten US-Unternehmen hatte 1997 einen vergleichbaren Gesetzesentwurf vehement abgeschmettert – zu groß war allerorten das Interesse an der Fortführung von parallelen Gewinnausweisen, die in den weiteren Jahren schließlich in offiziell anerkannten Pro forma-Gewinnen mündeten.

Es wird hier nicht etwa über Peanuts gesprochen. Werden die Ausgaben für Stock Options voll gegengerechnet, so wären die Gewinne der S&P 500-Unternehmen im Jahre 2000 nicht um 12 % gestiegen, sondern um 1 % gefallen!

Einige Beispiele verdeutlichen, um welche Größenordnung es tatsächlich geht: Netzwerk-Spezialist Cisco wies 2000 einen Gewinn von 4,6 Mrd. US-$ aus, nach Abzug von Aufwendungen für Stock Options wären es nur noch 2,74 Mrd. US-$ gewesen. Noch bedrohlicher sieht es bei Siebel Systems, einem Anbieter von CRM-Software, aus. Anstelle von 359 Mio. US-$ Gewinn hätte eigentlich ein Verlust von rund 50 Mio. US-$ ausgewiesen werden müssen. Und die Krönung: Internet-Portal Yahoo! lockte im selben Jahr mit einem Gewinn von 1,26 Mrd. US-$ Investoren an – nach Abzug von Aufwendungen für Stock Options wäre ein Verlust von 71 Mio. US-$ ans Tageslicht gekommen.

Nach dem Einbruch an den Börsen hat sich diese Diskrepanz im letzten Jahr zumindest ein bißchen von selbst bereinigt. Doch der nächste Wirtschaftsboom wird früher oder später erfolgen. Von daher wäre es angesagt, daß Investoren bis dahin ein aufgeräumtes Gebäude vorfinden, dessen Wände nicht länger von zahlreichen Schlupflöchern durchsetzt sind. Transparenz für Investoren ergibt sich erst, wenn die Regeln zur Bilanzierung wieder Beachtung finden.

Die jetzt initiierte Gesetzesvorlage dürfte auf erbitterten Widerstand treffen – natürlich wird sie das! Lobbyisten üben speziell in den USA eine unvergleichliche Macht aus, nicht zufällig wird in den Staaten die (zu) enge Verknüpfung von Wirtschaft und Politik bemängelt. Und dies besonders unter der aktuellen Regierung der Republikaner. Deshalb erscheint auch diesmal wieder fraglich, ob die Petition von Levin, einem Demokraten, überhaupt Aussicht auf Erfolg zugebilligt werden kann. Der Rückenwind infolge des Enron-Debakels sollte jetzt genutzt werden, um die in den USA üblich gewordene parallele Berichterstattung von Netto-Gewinnen, verwässerten Gewinnen und Pro forma-Gewinnen ein für allemal zu reformieren. Doch die Erfolgsaussichten sind gering.

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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