blaettchenSeit Jahren beobachten wir den schleichenden Weggang von Emittenten aus den fortwährend strenger regulierten öffentlich organisierten Börsensegmenten („Regulierter Markt“). Dieser Trend wurde nun durch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) im Rahmen einer jüngst erschienenen statistischen Erhebung belegt. Danach sank die Anzahl der in den regulierten Börsensegmenten notierten Aktien und Anleihen seit 2005 um mehr als ein Drittel. Waren es Mitte des Jahres 2005 noch 1.253 gelistete Unternehmen in den regulierten Märkten, so reduzierte sich deren Anzahl bis Mitte 2012 auf nur noch 825.

In diesen sieben Jahren gab es somit einen Nettoschwund von 430 Unternehmen! Zwar kamen 222 neue Gesellschaften hinzu, jedoch verabschiedeten sich im selben Zeitraum wieder insgesamt 650. Zu einem ähnlichen Ergebnis führt auch unsere Recherche anhand der DAI-Statistiken für den Zeitraum 2005 bis 2012 der an der Frankfurter Börse notierten Inlandsaktien. Gab es Ende des Jahres 2005 noch 648 in den regulierten Märkten gelistete Aktien, so reduzierte sich deren Anzahl im Jahre 2012 um 110 Aktien auf 538. Im Gegensatz dazu erhöhte sich die Anzahl der im Freiverkehr notierten Aktien von 187 Aktien im Jahre 2005 um 237 Neuzugänge auf 424 bis Ende 2012.

Die Hauptursache für die Flucht aus den regulierten Märkten ist laut DPR-Statistik neben Übernahmen (220 Fälle) und Insolvenzen (100 Fälle) ein „Down-Grade“ in die nicht regulierten Marktsegmente. Bei Schuldtiteln kommt hinzu, dass die Begebung neuer Anleihen oft nicht mehr in den regulierten Börsensegmenten erfolgt. Im Ergebnis kann damit festgehalten werden, dass die Attraktivität der regulierten Börsensegmente für Emittenten in den letzten Jahren gelitten hat. Offenbar sind es vor allem die strenger gewordenen Regularien (internationale Rechnungslegung, Compliance-Auflagen, zunehmende Transparenz und Publizitätspflichten sowie externe Kontrollen) und die damit verbundenen Kosten, die Unternehmen abschrecken, diese Segmente zu wählen. Zudem wird es den Emittenten seitens der Investoren auch nicht übermäßig gedankt, dass sie sich den hohen Transparenz- und Publizitätsstandards des Regulierten Marktes verpflichten.

Besonders Aktienemittenten haben es in den letzten Jahren besonders schwer gehabt, überhaupt an den Kapitalmarkt zu gelangen. Dabei spielen die erheblich gestiegenen regulatorischen Publizitätsanforderungen an die Emittenten ebenfalls eine entscheidende Rolle, die vor allem mittelständisch geprägte Unternehmen den Gang an den Aktienmarkt und insbesondere in den regulierten Märkten meiden lässt. Ein weiterer Grund ist auch auf der Nachfrageseite zu finden, da Neuemissionen in den letzten zehn Jahren den Anlegern mehrheitlich Verluste brachten. Laut einer aktuellen Dealogic-Erhebung konnte nur jeder fünfte Börsenneuling in den letzten zehn Jahren eine positive Performance erzielen. Leider zeigt sich dieser Trend auch bei den jüngsten größeren Emissionen, wonach bei Kion, LEG Immobilien, Telefónica Deutschland (O2) und Evonik derzeit die aktuellen Kurse unter ihrem Ausgabepreis bzw. dem Preis bei der Erstnotierung liegen. Allein der Talanx-Börsengang, der deutliche Abstriche der Bewertung im Laufe seiner Angebotsfrist hinnehmen musste, notiert aktuell über dem Ausgabekurs. Es scheint, dass die „IPO-Aktie“ sowohl bei Emittenten als auch bei Investoren ein Auslaufmodell wird. Dafür ist die Anleihe zum Lieblingskind geworden. So ist es erfreulich, dass sich im Anleiheprimärmarkt zahlreiche mittelständische Unternehmen finden, die im jetzigen Umfeld niemals den Eigenkapitalmarkt aufgesucht hätten. Auf der anderen Seite ist aber zu bedenken, dass Fremdkapital eine andere Rolle in der Unternehmensfinanzierung spielt als Eigenkapital. Dieser Unterschied muss sowohl dem Emittenten als auch den Investoren bewusst sein. Um den Aktienmarkt wieder attraktiv für Neuemittenten zu gestalten, sollte die Überregulierung zurückgefahren und die steuerliche Diskriminierung des Eigenkapitals gegenüber Fremdkapital aufgehoben werden.

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