Knapp 900 Finanz-Start-ups zählte Deutschland per Ende September 2019. Davon wurden 53 allein in den ersten neun Monaten 2019 gegründet – elf mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Zuwachs ist auch bei der Vergabe von Venture Capital zu beobachten: Rund 1,3 Mrd. EUR wurden in den ersten drei Quartalen 2019 in Fintechs investiert; im Gesamtjahr 2018 waren es knapp 1,2 Mrd. EUR gewesen. Zu diesen Ergebnissen kommt die comdirect Fintech-Studie, die gemeinsam mit Barkow Consulting durchgeführt wurde. Von Frauke Hegemann

Auch wenn Medienberichte zu Übernahmen und Fusionen das Gegenteil vermuten lassen: Deutschlands Fintechszene ist in Wachstum begriffen, und zwar in allen Bereichen. Insgesamt gab es laut unserer Analyse 898 Fintechs per 30. September 2019. Wie schon in den Vorjahren dominieren Unternehmen aus den Segmenten Proptech, also Technologien für die Immobilienbranche (202 Start-ups), und Finanzierungen (172). Erstmals unter den Top Five vertreten ist der Bereich Blockchain mit 76 Start-ups, der seit 2017 ein Wachstum um 111% erreicht hat. Zum Vergleich: Über alle Bereiche hinweg hat die Zahl der in Deutschland ansässigen Fintechs seit Ende 2017 um 25% zugenommen.

Top-Standort ist Berlin – mit großem Abstand zu den restlichen Städten. Jedes dritte Fintech (295) hat in der Bundeshauptstadt seinen Sitz, 61 davon wurden nach 2018 gegründet. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen fand um Platz zwei und drei statt: Den zweiten Rang hat Frankfurt am Main mit 106 Fintechs inne, wovon 23 erst 2018 oder später gegründet wurden. Dynamisch ist die Entwicklung des Drittplatzierten, nämlich München: Von den 105 Fintechs per Ende September 2019 existieren knapp ein Viertel erst seit 2018 oder später. 83 Fintechs waren zum Stichtag in Hamburg ansässig, 35 in Köln.

Wagniskapital konzentriert sich auf wenige Fintechs

Ein neuer Rekord wurde bei der Vergabe von Risikokapital aufgestellt: In den ersten neun Monaten 2019 haben Investoren knapp 1,3 Mrd. EUR in deutsche Fintechs investiert –mehr als im Gesamtjahr 2018 mit 1,16 Mrd. EUR. Nicht berücksichtigt wurden Investitionen durch Übernahmen und Fremdkapital. Somit ist die Fintechbranche die treibende Kraft des deutschen Venture Capital-Markts. Mit 36% entfällt mehr als jeder dritte Euro, den Investoren in heimische Start-ups stecken, auf den Finanzbereich.

Seit 2012 flossen insgesamt 4,7 Mrd. EUR in Finanz-Start-ups. Davon profitieren aber längst nicht alle Fintechs gleichermaßen: Fast die Hälfte des insgesamt seit 2012 an deutsche Fintechs vergebenen Wagniskapitals entfällt auf gerade einmal 20 Unternehmen. In absoluten Zahlen sind das 2,3 Mrd. EUR – das ist fast genauso viel, wie die nachfolgenden 345 Fintechs gemeinsam von Investoren erhalten haben (2,4 Mrd. EUR). Etwa 59% der deutschen Finanz-Start-ups erhielten laut unserer Analyse gar keine Wagniskapitalfinanzierungen.

Das zeigt, dass sich das Venture Capital in der Fintechszene Deutschlands auf immer weniger Start-ups konzentriert. Hier dominieren die vier führenden deutschen Fintechhubs: Berlin, München, Frankfurt und Hamburg. Ihr gemeinsamer Wagniskapitalanteil variiert seit 2012 zwischen 86% und 96%. In den ersten neun Monaten 2019 zog insbesondere Berlin Investoren an: 84% des Risikokapitals flossen in die Hauptstadt.

Fintechs profitieren durch Kooperationen

Die trotz der Fokussierung wachsende Anzahl lässt den Umkehrschluss zu, dass es gerade auch kleineren Fintechs gelingt, ohne große Finanzierungsrunden neue, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei spielt nicht nur die (Weiter-)Entwicklung neuer Technologien eine entscheidende Rolle – auch regulatorische Vorgaben wie PSDII bieten Fintechs durch die damit verbundene Verpflichtung der Banken zur Öffnung ihrer Kundenschnittstelle vielfältige Möglichkeiten, wertvolle Kooperationen einzugehen. Im Fokus sollte dabei der Kundennutzen stehen. So kooperiert comdirect beispielsweise mit dem Start-up Authada, welches das E-Ident-Verfahren zur rein digitalen Legitimation in die comdirect App integriert hat. Mit Öffnung der comdirect API können Kunden auch über die Online-Trading-Plattform Guidants handeln, und mit JDC, einer führenden Bankassurance-Plattform, haben wir jüngst den digitalen Versicherungsmanager für die comdirect Versicherungsmakler AG realisiert.

Ausblick

Die Fintechstudie zeigt: Deutschland bleibt Innovationsstandort. Fintechs sind dabei zunehmend weniger von Investoren abhängig – mit klugen Kooperationen kann es gelingen, auch ohne große Finanzierungsrunden erfolgreich zu sein.

Hintergrund zur Studie

Basis der comdirect Fintech-Studie ist Barkow Consultings FinTech Money Map, eine nach eigenen Angaben in Deutschland führende und die meistgenutzte Datenquelle für Fintech-Start-ups und Fintechwagniskapital. Redaktionsschluss für die Analyse war Ende September 2019. Fintech-Venture-Capital-Investitionen werden seit Anfang 2012 erfasst. Fintech-Start-ups und -Gründungen wurden seit 2007 rückwirkend integriert. Die Daten der FinTech Money Map werden durch kontinuierliche Analyse und Auswertung aller relevanten Nachrichtenquellen und Datenbanken gewonnen. Barkow Consulting setzt dabei auf eine Kombination von Mensch und Maschine. Die FinTech Money Map umfasst derzeit über 1.000 Start-ups. Aktuell sind zudem mehr als 1.250 Risikokapitalinvestoren und fast 5 Mrd. EUR Venture Capital-Investitionen in der Datenbank erfasst.

Dieser Artikel erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins.

Über den Autor

Frauke Hegemann

Frauke Hegemann ist Vorstandsvorsitzende der comdirect bank AG, wo sie seit April 2018 tätig ist. Sie hat ihre Aufgaben zunächst als designiertes Vorstandsmitglied in Funktion der Generalbevollmächtigten wahrgenommen und war ab April 2019 Operations- und Personalvorstand, bevor sie im Januar 2020 zur Vorstandsvorsitzenden ernannt wurde. Zuvor war Frauke Hegemann mehrere Jahre bei der Commerzbank in unterschiedlichen Management- und Führungsfunktionen tätig.