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Alle Unternehmen, die Wertpapiere an regulierten Märkten innerhalb der EU emittiert haben, müssen für Geschäftsjahre, die am 1.1.2020 oder danach beginnen, ihren Jahresfinanzbericht in einem europaweit einheitlichen elektronischen Berichtsformat (European Single Electronic Format, ESEF) der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Von Dr. Martin Steinbach und Gerd Winterling

Der Ursprung des ESEF liegt in der Transparenzrichtlinie (2004/109/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15.12.2004), wonach Emittenten, deren Wertpapiere zum Handel an regulierten Märkten innerhalb der EU zugelassen sind, ihre Jahresfinanzberichte veröffentlichen müssen. Seit der Transparenzrichtlinie-Änderungsrichtlinie (2013/50/EU) ist in Art. 4 Abs. 7 vorgesehen, dass Jahresfinanzberichte ab dem 1.1.2020 in einem einheitlichen elektronischen Berichtsformat erstellt werden sollen.

Ziel: höhere Vergleichbarkeit und mehr Transparenz

Nach den Vorschlägen der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) sollen die Jahresfinanzberichte als elektronisches Dokument in XHTML (eXtensible HyperText Markup Language) bereitgestellt werden. IFRS-Konzernabschlüsse müssen ergänzend mithilfe des Standards iXBRL (inline eXtensible Business Reporting Language) in eine vorgegebene inhaltliche Struktur überführt werden. Grundsätzlich verspricht man sich von der Regulierung mehr Transparenz und mehr Vergleichbarkeit für Kapitalmarktteilnehmer wie Investoren, Regulatoren, Analysten und weitere Abschlussadressaten. Einerseits soll die einheitliche Strukturierung der Berichtsinhalte für eine bessere Vergleichbarkeit sorgen. Andererseits können Daten aufgrund ihrer speziellen elektronischen Aufbereitung künftig besser weiterverarbeitet und sogar automatisiert aufbereitet sowie analysiert werden. Zudem wird es leichter sein, Datensätze in Formate wie beispielsweise XLSX umzuwandeln. Unterm Strich sollen all diese Neuerungen die Jahresfinanzberichte und IFRS-Konzernabschlüsse deutlich transparenter gestalten.

Erstanwendung für IFRS-Konzernabschlüsse 2020

Im Rahmen der Erstanwendung für IFRS-Konzernabschlüsse müssen für Geschäftsjahre, die am 1.1.2020 oder danach beginnen, monetäre Angaben der primären Abschlussbestandteile, der Konzern-Bilanz, der Konzern-Gesamtergebnisrechnung, der Konzern-Eigenkapitalveränderungsrechnung und der Konzern-Kapitalflussrechnung sowie ausgewählte textliche Angaben (z.B. Name, Sitz, Geschäftstätigkeit oder Rechtsform der Gesellschaft) im neuen Format abgebildet sein. Mit dem Geschäftsjahr, das am 1.1.2020 oder danach beginnt, müssen zusätzlich textliche Angaben des Konzernanhangs („IFRS Notes Disclosures“) gemäß Auflistung der ESMA (siehe Anhang II Nr. 3 i.V.m. Tabelle 2 der vorläufigen Delegierten Verordnung) zur Verfügung gestellt werden. Die Anforderungen zur ESEF-Einführung ergeben sich aus deutlich über 800 Seiten und den veröffentlichen Taxonomien. Unter einer Taxonomie kann man sich eine Art von Kontenplan mit vielen Zusatzinformationen vorstellen. Die ESEF-Taxonomie basiert auf der IFRS-Taxonomie der IFRS Foundation.

Tagging und Mapping in der Implementierungsphase

Die Implementierung des ESEF für einen IFRS-Konzernabschluss ist mit vielen Stolpersteinen verbunden. Unternehmen sind gut beraten, Prozesse zu implementieren, die sicherstellen, dass die angewendete Taxonomie und auch die technischen Standards stets auf dem aktuellen Stand sind. Das Buchhaltungssystem sollte so gestaltet sein, dass zu jeder Zeit Neuerungen auf allen Ebenen in das System eingepflegt werden können, denn die vorgegebene inhaltliche Struktur der ESEF-Taxonomie muss verpflichtend angewendet und gegebenenfalls immer wieder ergänzt werden. Finanzinformationen werden elektronisch etikettiert (Tagging), damit diese für den Adressaten als maschinell lesbare Daten mit geeigneter Software automatisch auslesbar sind. Etiketten (Tags) sind in der XBRL-Taxonomie hinterlegt. Bei der Auswahl der Etiketten ist das Basiselement zu wählen, das die engste Definition des dargestellten Sachverhalts aufweist.

In fünf Schritten zum iXBRL-Bericht

Die Implementierung eines iXBRL-Berichts kann nach einem Fünfschrittemodell erfolgen. Wichtig ist es aus unserer Sicht, frühzeitig ein Zielbild für das Operating Model zu entwickeln – davon sind viele weitere Entscheidungen abhängig. Kern der Umsetzung ist das Mapping gemäß der vorgegebenen Taxonomie. Konkret bedeutet das sogenannte Mapping, dass die einzelnen Positionen des Finanzberichts den Elementen der ESEF-XBRL-Taxonomie zugeordnet werden. Problematisch wird es immer dann, wenn einzelne Positionen vom Regulator entweder gar nicht oder anders als im jeweils bestehenden Finanzbericht definiert vorgegeben werden. Eine Änderung von Kernelementen der ESEF-Taxonomie ist dabei untersagt, wohingegen unternehmensspezifische Bezeichnungen für vorhandene Kernelemente hinzugefügt werden können. Sollte ein passendes Taxonomieelement fehlen, kann dieses ergänzt werden (Erweiterungstaxonomie).

Wie umfangreich die Umsetzung letztlich wird, hängt von vielen Faktoren ab: von der Unternehmensgröße, der Anzahl der Positionen, dem Umfang des Anhangs, dem derzeitigen Prozess, von vorhandenen IT-Systemen und bestehendem Know-how und schließlich auch vom definierten Zielbild. Die Neudefinition des Zielbildes lässt sich für Verbesserungen im Financial Statement Closing Process oder auch für die Neustrukturierung der bekannten IFRS Notes hin zu einer möglicherweise sinnvolleren Darstellung nutzen.

Von der Pflicht zur Kür: Brückenschlag zwischen Accounting und IR

Die Digitalisierung hält mit dem maschinenlesbaren Format iXBRL weiter Einzug in die moderne Kapitalmarktkommunikation. Aus der Pflicht des neuen Formats ergeben sich viele Potenziale in der Investor-Relations-Praxis. In den IR etabliert sich – neben der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation – ein weiterer Kanal: die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Finanzdaten des Abschlusses können so treffsicher von cleveren Algorithmen ausgelesen werden. Smarte Analysesoftware erlaubt Investoren hochautomatisierte Peergroupvergleiche und Kennzahlenanalysen in Echtzeit. Tagging und Mapping erleichtern automatisierten Research und bergen das Potenzial, nach MiFID II den Research für kleine und mittlere Emittenten zu demokratisieren. Auch im Sekundärmarkt ergeben sich durch die höhere Verfügbarkeit von Informationen und Research höhere Investorenaufmerksamkeit und die Chance auf mehr Liquidität. So wird die ESEF-Pflicht zur Kür.

Quelle: Website der ESMA: https://www.esma.europa.eu/document/esma-esef-taxonomy-2017

Dieser Artikel ist ein Vorabveröffentlichung aus dem GoingPublic-Special „Kapitalmarkt Österreich“, welches demnächst erscheint.

Über den Autor

Dr. Martin Steinbach - Ernst & Young - Head of IPO and Listing Services

Dr. Martin Steinbach

Dr. Martin Steinbach ist Partner und IPO Leader bei EY. Er verantwortet seit April 2011 den Bereich IPO und Listing Services in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Darüber hinaus leitet er das IPO Leader Netzwerk in Europa, Mittlerem Osten, Indien und Afrika.

Gerd Winterling

Gerd Winterling ist Partner und Wirtschaftsprüfer Financial Accounting Advisory Services bei EY.